Zur Gattung des Thymian (Thymus) zählen etwa 350 Arten von immergrünen Mehrjährigen, Sträuchern und Halbsträuchern aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Innerhalb dieser sortenreichen Gattung finden sich sowohl kleine, nur 5 cm hohe, mattenbildende Kriechpflanzen wie Thymus praecox, als auch bis zu 35 cm hoch wachsende Exemplare wie der Echte Thymian (Thymus vulgaris). Meistens weisen Thymianpflanzen verholzende Triebe auf. Die Blüten der Pflanze sind lippenförmig ausgebildet. Fünf Blätter sind zu einer zweilippigen Röhre, einer bärtigen Kehle und drei großen, gezähnten Oberlippen vereinigt.
Die Systematik der Gattung ist vielschichtig. Es existieren zahlreiche sinnverwandte Bezeichnungen und vielerlei ungültige Namen. Sehr viele Thymianarten sind beliebte Gartenpflanzen. Sie zeichnen sich durch eine hübsche Wuchsform, duftende Blätter und eine bunte Blütenpracht aus. Thymian eignet sich auch hervorragend zur Bepflanzung von Kübeln, Steingärten und Mauerwerk. Obgleich die Blüten sehr klein sind, erzeugen sie üppige Mengen an Nektar. Aus diesem Grund zieht Thymian Bienen und Hummeln magisch an. Die Zeitschrift "Der Imkerfreund" ermittelt für eine mit Sand-Thymian (Thymus serpyllum) bepflanzte Bienenweide von einem Hektar einen Honigertrag von 120 kg. Neuere Quellen nennen Mengen von bis zu 185 kg pro Hektar. Der gefährlichste Schädling für Bienenvölker, die Varroamilbe, lässt sich effektiv mit Thymol, einem Hauptbestandteil von Thymianöl, bekämpfen.
Der griechische Name Thymus wurde bereits von Theophrast, einem griechischen Philosophen und Naturforscher, verwendet. Theophrast lebte in den Jahren 372–286 vor Christus und gilt als der erste Forscher, der sich mit der Forstlehre beschäftigt und eine "Naturgeschichte der Gewächse" verfasst hat. Theophrast, Plinius und Dioskorides beschreiben die Heilkraft des Thymian, der sich bei den Griechen großer Beliebtheit erfreute. Das altgriechische Wort Thymos bedeutet Lebenskraft. Die Griechen nutzten Thymianöl zur Massage, um den Mut und die Kraft zu stärken. Römische Soldaten sollen vor Kämpfen in Thymianwasser gebadet haben und die alten Ägypter nutzten die antiseptisch und konservierend wirkende Pflanze für Leichenwaschungen, als Zutat in Balsamierflüssigkeiten und räucherten Räume mit getrockneten Thymianzweigen aus. Über die Alpen kam der Thymian jedoch erst im 11. Jahrhundert und wurde zunächst in den mittelalterlichen Klostergärten kultiviert. Hildegard von Bingen (1098–1179), benediktinische Ordensfrau und Universalgelehrte, charakterisiert die Pflanze in ihren Schriften als probates Mittel bei Atemwegserkrankungen.
Im 16. und 17. Jahrhundert war Thymian fester Bestandteil im Heilkräutersortiment der mittelalterlichen Apotheken. Das ätherische Thymianöl findet im Nürnberger Arzneibuch von 1589 Erwähnung. Im Jahr 1719 gelang es dem Wissenschaftler Caspar Neumann erstmals, den Wirkstoff Thymol aus der Pflanze zu isolieren.[1] Verwendet wird die gesamte Pflanze, pharmakologisch relevant ist vor allen Dingen das Thymianöl.
Gewinnung von Thymianöl
Thymianöl ist eine ölige Flüssigkeit, die je nach Herkunft der verwendeten Pflanzen farblos oder gelblich, gelegentlich auch von rötlicher Farbe ist. Um Thymianöl zu gewinnen, werden die getrockneten, oberirdischen Pflanzenteile einer achtstündigen Wasserdampfdestillation unterzogen. Geerntet wird der Thymian zur Blütezeit, da in diesem Stadium der Gehalt an ätherischen Ölen am höchsten ist. Thymiankraut enthält etwa 1 bis 2,5 % ätherisches Öl.[2]
Die Hauptanbaugebiete für Thymian sind die Türkei mit einem erheblichen Anteil an der globalen Gesamternte, Frankreich, Spanien und die nordafrikanischen Länder. Studien zeigen, dass der Zeitpunkt der Ernte und das Alter der Pflanze die Qualität des Öls erheblich beeinflussen: Junge Pflanzen (zwei Jahre) liefern sowohl die höchste Ölausbeute (1,2 %) als auch den höchsten Thymolgehalt (51,2 %), während ältere Pflanzen (fünf Jahre) deutlich geringere Werte aufweisen.[1]
Inhaltsstoffe von Thymianöl
Die Hauptinhaltsstoffe des ätherischen Thymianöls sind die Phenole Thymol (30–50 %) und Carvacrol (1–5 %). Obgleich Thymianöl schon in der Volksmedizin als Mittel gegen Entzündungen und Erkrankungen der Atemwege Erwähnung findet, gelang es erst in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, die Hauptinhaltsstoffe abzusondern und genauer zu untersuchen.[2]
Insbesondere das Zusammenspiel der Phenole Thymol und Carvacrol mit den Terpenen Cineol, Linalool, Geraniol und Borneol ist für die vielfältige Wirksamkeit des Thymianöls verantwortlich. Weitere wichtige Bestandteile sind p-Cymol (10–24 %), γ-Terpinen (4–18 %), Labiatengerbstoffe, Flavonoide wie Apigenin und Luteolin sowie Triterpene und Rosmarinsäure.[3] Die offizielle Arzneibuchmonographie schreibt einen Mindestgehalt von 1,2 % ätherischem Öl vor, wobei Thymol und Carvacrol zusammen mindestens 40 % des Öls ausmachen müssen.[2]
Je nach Chemotyp des verwendeten Thymians kann die Zusammensetzung des Öls stark variieren. So unterscheidet man unter anderem den Thymol-Chemotyp, den Carvacrol-Chemotyp und den milderen Linalool-Chemotyp, der besonders für empfindliche Haut und die Anwendung bei Kindern geeignet ist.
Wirkung von Thymianöl
Das ätherische Thymianöl wird vorwiegend über die Lunge ausgeschieden, das heißt, die Wirkung tritt direkt und größtenteils an der Bronchialschleimhaut ein. Thymianöl zeigt einen markanten schleimlösenden (expektorierenden) und auswurffördernden Effekt. Es wirkt antibakteriell, antiviral und antiseptisch, löst Krämpfe und wirkt entzündungshemmend.[3]
Die pharmakologische Forschung konnte folgende Wirkungen von Thymianöl wissenschaftlich belegen:
Antibakteriell und antiseptisch: Thymol und Carvacrol hemmen das Wachstum verschiedener Bakterienstämme, darunter auch multiresistente Keime wie MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). In einer Studie reduzierte Thymianöl bereits in einer Konzentration von 0,01 % die Biofilmbildung von Bakterien um 53 %, bei 0,05 % sogar um 76 %.[4]
Entzündungshemmend und schmerzlindernd: Carvacrol hemmt nachweislich das Enzym Cyclooxygenase-2 (COX-2), das eine zentrale Rolle im Entzündungsgeschehen spielt. Dieser Wirkmechanismus entspricht dem Prinzip nicht-steroidaler Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen.[5]
Antiviral: Thymianöl zeigt Wirksamkeit gegen Herpes-simplex-Viren (Typ I), humane Rhinoviren und Influenzaviren.[4]
Krampflösend und verdauungsfördernd: Die krampflösenden und antientzündlichen Eigenschaften erstrecken sich auch auf Magen- und Darmerkrankungen, Probleme der Harnwege und rheumatische Beschwerden.[3]
Immunstimulierend und antioxidativ: Durch seine immunstimulierenden und antioxidativen Eigenschaften ist Thymianöl sowohl zur Vorbeugung als auch zur therapeutischen Anwendung geeignet. Rosmarinsäure im Thymian gilt dabei als einer der wichtigsten Radikalfänger.[6]
Anwendungsgebiete von Thymianöl
Thymianöl zur Inhalation bei Husten und Erkältung
Das wohl bekannteste Anwendungsgebiet von Thymianöl ist die Behandlung von Husten, Bronchitis und Erkältungskrankheiten. Thymian bekämpft eine Erkältung sowohl kausal als auch symptomatisch und ist damit eine ideale Hustenarznei. Neben den krampflösenden, auswurffördernden und antibakteriellen Eigenschaften konnten Experten auch antivirale, schmerzstillende und entzündungshemmende Effekte nachweisen.[3]
Ein wirksames Mittel ist die Inhalation. Zwei- bis dreimal täglich für 5–10 Minuten inhalieren, verflüssigt hartnäckigen Schleim und schafft Erleichterung. Die Heilkunde unterscheidet zwischen der Dampfinhalation und der Tröpfcheninhalation. Zum Dampfinhalieren genügt ein Kochtopf mit heißem Wasser und ein großes Handtuch. Dem heißen Wasser werden einige Tropfen Thymianöl hinzugefügt. Man hält das Gesicht über den aufsteigenden Dampf und zieht dabei das Handtuch über Kopf und Gefäß. Diese althergebrachte Methode birgt die Gefahr, sich zu verbrühen. Für Kinder ist die Vorgehensweise daher nicht geeignet. Außerdem kann es bei dieser Art der Inhalation zu gereizten und tränenden Augen kommen. Komfortabler sind käufliche Dampfinhalatoren mit Wasserbehälter und Mund-Nasen-Aufsatz.
Bei der Dampfinhalation werden allerdings nur die Nasenschleimhaut und die oberen Atemwege erreicht. Dampfinhalation macht daher vorwiegend bei Erkrankungen der Nasennebenhöhlen Sinn. Um die Bronchien von zähem Schleim zu befreien, werden feine Tröpfchen benötigt, die bis in die Lunge vordringen. Diese Tröpfchen lassen sich mit Verneblern erzeugen. Thymianöl und andere ätherische Öle sind für die Tröpfcheninhalation allerdings weniger gut geeignet. Für Asthmatiker, Keuchhustenpatienten und Kinder – insbesondere Kinder mit Pseudokrupp – ist die Tröpfcheninhalation mit Thymianöl sogar ausdrücklich untersagt, da die Bestandteile des ätherischen Öls zu einer akuten Atemnot führen können.
Das Deutsche Ärzteblatt berichtet von einer Studie am Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft in Schmallenberg. 30 chronisch kranke Bronchitispatienten erhielten über einen Zeitraum von einer Woche entweder Thymiansaft oder ein Plazebo. Während die Hustenfrequenz und die anderen Lungenparameter unverändert blieben, stieg die Effektivität des Selbstreinigungsmechanismus der Atemwege von 8,6 Prozent auf 12,5 Prozent pro Stunde.[7]
In einer Anwendungsbeobachtung, die beim BfArM (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte) eingereicht wurde, erhielten 454 Patienten (davon 445 Kinder) eine Behandlung mit einem Thymianfluidextrakt. Bei 48 Prozent wurden Katarrhe der oberen Atemwege diagnostiziert, bei 42 Prozent eine Bronchitis und bei 10 Prozent beide Krankheiten. Der Beschwerdegrad nahm unter der Anwendung des Thymianpräparats deutlich ab, insbesondere bei den Teilnehmern mit starkem Husten. Die prüfenden Ärzte bewerteten die Wirksamkeit bei 45 Prozent der Patienten mit „sehr gut" und bei 50 Prozent mit „gut".[7]
Thymianöl gegen Schmerzen und Regelschmerzen
Eines der bemerkenswertesten Forschungsergebnisse zu Thymianöl betrifft seine schmerzlindernde Wirkung, insbesondere bei Menstruationsbeschwerden (primäre Dysmenorrhoe). Eine vielbeachtete randomisierte, dreifach verblindete klinische Studie an der Babol University of Medical Sciences untersuchte die Wirkung von Thymianöl im Vergleich zu Ibuprofen bei 84 Studentinnen mit Regelschmerzen.[8]
Die Teilnehmerinnen wurden in drei Gruppen eingeteilt: Gruppe 1 erhielt 200 mg Ibuprofen plus ein Placebo-Öl, Gruppe 2 erhielt 25 Tropfen eines 2-prozentigen Thymianöls plus eine Placebo-Kapsel und Gruppe 3 erhielt ausschließlich Placebos. Die Ergebnisse waren beeindruckend: In der Thymianöl-Gruppe sank der durchschnittliche Schmerzwert (VAS-Skala) von 6,57 vor der Behandlung auf 1,21 im ersten und 1,14 im zweiten Menstruationszyklus. In der Ibuprofen-Gruppe fielen die Werte von 5,30 auf 1,48 (erster Zyklus) und 1,68 (zweiter Zyklus).[8]
Beide Substanzen erwiesen sich als signifikant wirksamer als das Placebo (p<0,001). Der Unterschied zwischen Thymianöl und Ibuprofen war statistisch nicht signifikant – das bedeutet, dass Thymianöl vergleichbar wirksam wie Ibuprofen war. Besonders bemerkenswert: Während die Wirkung des Ibuprofens im zweiten Zyklus leicht nachließ, blieb die Wirkung des Thymianöls konstant.[8]
Verantwortlich für diese schmerzlindernde Wirkung ist unter anderem Carvacrol, ein Inhaltsstoff des Thymianöls. Japanische Forscher der Nara Women's University wiesen nach, dass Carvacrol das Enzym COX-2 hemmt – genau der Wirkmechanismus, den auch pharmazeutische Schmerzmittel wie Ibuprofen nutzen.[5] Im Gegensatz zu NSAR wie Ibuprofen, die mit gastrointestinalen und kardiovaskulären Nebenwirkungen einhergehen können, wurden bei Thymianöl in der Studie keine solchen Nebenwirkungen festgestellt.
Eine weitere klinische Studie an der Ilam University of Medical Sciences mit 120 Studentinnen bestätigte diese Ergebnisse: Thymianöl erwies sich auch hier als ebenso wirksam wie Ibuprofen bei der Reduktion von Menstruationsschmerzen.[9]
Thymianöl gegen Schnarchen
Thymianöl wird zunehmend als natürliches Mittel gegen Schnarchen diskutiert. Eine doppelblinde Studie am Royal Shrewsbury Hospital untersuchte die Wirkung ätherischer Öle bei 140 erwachsenen Schnarchern. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Reduktion des Schnarchens, wie von den Bettpartnern berichtet. 82 Prozent der Partner bestätigten eine Verbesserung.[10]
Thymianöl eignet sich besonders gut gegen Schnarchen, da es die Atemwege offen hält und als Antispasmodikum die Rachenmuskulatur entspannen kann. Die ätherischen Öle wirken vermutlich auf die Weichgaumen- und Rachenmuskulatur, indem sie deren Tonus verändern und die Durchblutung verbessern, wodurch das Flattern des Gewebes und damit das Schnarchgeräusch reduziert wird.[10]
Für die Anwendung gegen Schnarchen gibt es mehrere Möglichkeiten: Das Öl kann verdünnt mit einem Trägeröl auf Brust oder Fußsohlen aufgetragen oder im Diffuser im Schlafzimmer vernebelt werden. Reflexologen empfehlen das Einmassieren des verdünnten Öls in die Unterseite des großen Zehs, da diese Zone reflektorisch mit dem Rachenbereich in Verbindung stehen soll. Es ist wichtig zu betonen, dass Thymianöl bei schwerem Schnarchen oder Schlafapnoe keine professionelle medizinische Behandlung ersetzt.
Thymianöl für die Haut
Aufgrund seiner antibakteriellen, antiviralen und antiseptischen Eigenschaften ist Thymianöl ein vielseitiger Wirkstoff in der Hautpflege. Es gibt Anhaltspunkte, dass ätherische Öle wie Thymianöl in örtlich begrenzter Anwendung geeignet sind, wiederkehrende Herpesinfektionen zu behandeln. Die Anwendung im Anfangs- und Endstadium einer Infektion scheint wirksam zu sein, schwere Infektionen können mit Thymianöl allein jedoch nicht kuriert werden.[4]
Thymianöl kann bei Akne unterstützend wirken. Die antimikrobiellen Eigenschaften des Thymols bekämpfen die Bakterien, die für entzündliche Hautunreinheiten mitverantwortlich sind. Üblicherweise kommen bei topischen Anwendungen Gemische aus mehreren Komponenten zum Einsatz. Eine Vorab-Untersuchung, ob Allergien vorliegen, ist daher sinnvoll – unverdünntes Thymianöl sollte niemals direkt auf die Haut aufgetragen werden.
Ein Expertenausschuss der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) bestätigte die Heilanzeige von Thymian bei Stomatitis (Entzündungen der Mundschleimhaut) und Mundgeruch.[2] Da Thymianöl auch über die Haut resorbiert wird, lässt es sich gut als Zusatz in medizinischen Bädern verwenden. Experten für Balneologie empfehlen pro Vollbad 150 g Thymianextrakt mit mindestens 0,5 Prozent ätherischem Thymianöl. Volksmedizinisch werden Thymianauflagen bei schlecht heilenden Wunden und Hautunreinheiten verwendet. Thymianöl kommt aufgrund seiner Eigenschaften auch als Zugabe zu Intimwaschlotionen zum Einsatz.
Thymianöl für die Haare
Thymianöl wird in der Naturheilkunde zunehmend für die Haar- und Kopfhautpflege empfohlen. Die wohl bedeutendste Studie auf diesem Gebiet wurde 1998 in den Archives of Dermatology veröffentlicht: In einer randomisierten, doppelblinden, kontrollierten Studie behandelten Forscher 86 Patienten mit Alopecia areata (kreisrundem Haarausfall) über sieben Monate.[11]
Die Behandlungsgruppe massierte täglich eine Mischung aus Thymianöl (88 mg), Rosmarinöl (114 mg), Lavendelöl (108 mg) und Zedernöl (94 mg) in Jojobaöl und Traubenkernöl als Träger in die Kopfhaut ein. 19 von 43 Patienten (44 %) der Behandlungsgruppe zeigten eine deutliche Verbesserung, verglichen mit nur 6 von 41 Patienten (15 %) in der Kontrollgruppe (p = 0,008).[11]
Die haarwachstumsfördernde Wirkung des Thymianöls wird auf mehrere Mechanismen zurückgeführt: Die entzündungshemmenden Flavonoide Apigenin und Apigenin-7-Glucosid schützen die Haarfollikel und können das Wachstumsgen TGF-beta herunterregulieren, das bei androgenetischem Haarausfall die Follikelaktivität unterdrückt. Zudem fördert Thymianöl die Durchblutung der Kopfhaut, wodurch mehr Nährstoffe die Haarwurzeln erreichen.[12] Für eine Anwendung werden 2–3 Tropfen Thymianöl mit zwei Esslöffeln Trägeröl, etwa Olivenöl oder Mandelöl, gemischt und sanft in die Kopfhaut einmassiert.
Thymianöl zur innerlichen Anwendung und für die Verdauung
Münchner Mediziner konnten im Jahr 2007 nachweisen, dass Thymian und Gewürznelken im Darm spezielle Zellen mobilisieren, welche die Darmtätigkeit lenken. Die Wissenschaftler untersuchten sogenannte enterochromaffine Zellen aus dem Dünndarm. Diese spezialisierten Sensorzellen schütten im aktivierten Zustand Serotonin aus, welches die Darmmuskulatur und die Produktion von Verdauungssäften anregt. Die Forscher konnten aufzeigen, dass diese Zellen über Duftrezeptoren verfügen, wie sie auch von den Riechzellen in der Nase hervorgebracht werden. Nach der Zugabe von Thymol zu den Zellkulturen begannen diese, Serotonin auszuschütten. Folglich kurbelt Thymianöl über die Serotoninfreisetzung die Verdauungstätigkeit an.[3]
Zur sanften Unterstützung der Verdauung können einige Tropfen Thymianöl – stark verdünnt – eingenommen werden. Bei der innerlichen Anwendung von Thymianöl ist besondere Vorsicht geboten: In hohen Konzentrationen kann es die Darmschleimhaut schädigen.[4] Die innerliche Einnahme sollte nur mit ausdrücklich als lebensmitteltauglich deklariertem Thymianöl und in der empfohlenen Dosierung erfolgen.
Ein leckerer Digestif als erste Hilfe nach dem Genuss von fetten Speisen lässt sich einfach selbst herstellen: 50 g Thymian werden mit einem Liter hochprozentigem Korn oder Wodka angesetzt und für die Dauer von vier Tagen an einen warmen, hellen Ort gestellt. Anschließend wird aus 0,5 Litern Wasser und 250 Gramm Zucker eine Lösung zubereitet, die mit dem abfiltrierten Thymian vermischt wird. Der Thymianlikör muss vor der Verkostung für einige Wochen in dunklen Flaschen ruhen.
Thymianöl in der Aromatherapie
Die Aromatherapie setzt Thymianöl bei einem breiten Spektrum an Beschwerden ein: bei Atemwegserkrankungen, Schmerzen, Erschöpfungszuständen, depressiven Verstimmungen, Hauterkrankungen und rheumatischen Beschwerden. Im Diffuser oder in der Duftlampe entfaltet Thymianöl einen kräftig-krautigen, warm-würzigen Duft, der belebend und konzentrationsfördernd wirkt.[4]
In der Aromatherapie wird Thymianöl gerne mit anderen ätherischen Ölen kombiniert. Besonders harmonisch sind Mischungen mit Lavendelöl für eine beruhigende Note, mit Pfefferminzöl für einen frischen Atemeffekt oder mit Zitronenöl für einen belebenden Raumduft. Für die Duftlampe genügen 3–5 Tropfen Thymianöl auf die Wasserschale.
Dosierung und Einnahme von Thymianöl
Die korrekte Dosierung von Thymianöl richtet sich nach der Art der Anwendung. Als Orientierung gelten folgende Richtwerte:
Inhalation: 2–3 Tropfen auf einen Liter heißes Wasser für eine Dampfinhalation. Im Diffuser genügen 3–5 Tropfen.
Äußerliche Anwendung: Thymianöl darf niemals unverdünnt auf die Haut aufgetragen werden. Eine Verdünnung von maximal 1–2 % in einem Trägeröl ist empfehlenswert (etwa 2–4 Tropfen pro 10 ml Trägeröl). Für ein Vollbad werden 5–10 Tropfen Thymianöl mit einem Emulgator (Sahne, Honig oder Meersalz) vermischt.
Innerliche Einnahme: Nur mit ausdrücklich als lebensmitteltauglich deklariertem Thymianöl. Die von der Kommission E (Sachverständigengremium für pflanzliche Arzneimittel) empfohlene Einzeldosis beträgt 1–2 Gramm Thymian-Droge in einer Zubereitung.[2] Einige Tropfen eines verdünnten Thymianöls können auf einen Teelöffel Honig oder ein Stück Zucker gegeben werden. Die Einnahme sollte nicht über einen längeren Zeitraum ohne ärztliche Rücksprache erfolgen.
Kapseln: Bei Thymianöl-Kapseln richtet sich die Dosierung nach den Herstellerangaben. In der Regel handelt es sich um Kombinationspräparate mit standardisierten Mengen an Thymol und Carvacrol.
Thymianöl in der Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft sollte die Anwendung von Thymianöl grundsätzlich vermieden werden. Dem ätherischen Öl wird eine stimulierende Wirkung auf die Gebärmuttermuskulatur zugeschrieben, die insbesondere in der Frühschwangerschaft das Risiko vorzeitiger Wehen erhöhen könnte. Systematische Studien zur Verträglichkeit in der Schwangerschaft fehlen bisher.[13]
Das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité Berlin (Embryotox) stuft die Anwendung von Thymianextrakten als „akzeptabel" ein, weist aber auf das Fehlen systematischer Studien hin. Tierexperimentell ergaben sich keine Hinweise auf ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Alkoholhaltige Zubereitungen sind in der Schwangerschaft zu meiden. Die Verwendung als Teedroge (nicht exzessiv konsumiert) oder als Gewürz erfordert keine Einschränkungen.[13]
Schwangere Frauen sollten daher auf konzentriertes Thymianöl, Thymian-Kapseln und andere hoch dosierte Thymianpräparate verzichten und bei Unsicherheiten den behandelnden Arzt oder die Hebamme konsultieren.
Thymianöl für Kinder
Bei der Anwendung von Thymianöl bei Kindern ist besondere Vorsicht geboten. Für Säuglinge und Kleinkinder unter zwei Jahren ist Thymianöl nicht geeignet: Die ätherischen Öle können bei ihnen Atemnot (Laryngospasmus) auslösen, wenn sie in die Nähe von Nase und Mund gelangen.[2]
Für ältere Kinder kann der mildere Thymianöl-Chemotyp Linalool eine verträglichere Alternative zum intensiven Thymol-Chemotyp darstellen. Grundsätzlich gilt: Die Dosierung sollte bei Kindern deutlich reduziert werden (maximal die Hälfte der Erwachsenendosis) und das Öl muss immer stark verdünnt angewendet werden. Vor der Anwendung eines Thymian-Balsams bei Kindern unter sechs Jahren sollte stets ein Kinderarzt konsultiert werden.
Die Gabe von mildem Thymiantee in kleinen Mengen kann sich hingegen positiv auf die Gesundheit älterer Kinder auswirken und bei leichten Erkältungsbeschwerden unterstützend eingesetzt werden.
Nebenwirkungen von Thymianöl
Thymianöl gilt bei sachgemäßer Anwendung und in üblichen Dosierungen als sicher. Dennoch können Nebenwirkungen auftreten:[3][4]
Hautreizungen: Unverdünntes Thymianöl kann zu Rötungen, Brennen und Irritationen der Haut führen. Bei empfindlicher Haut können auch verdünnte Anwendungen Reizungen verursachen. Ein Hautverträglichkeitstest (Patchtest) an der Arminnenseite wird vor der ersten Anwendung empfohlen.
Allergische Reaktionen: Bei bestehenden Allergien gegen Lippenblütengewächse (Lamiaceae), Birken-, Beifuß- oder Selleriepollen können Kreuzreaktionen auftreten. Personen mit bekannten Allergien sollten Thymianöl mit besonderer Vorsicht verwenden.
Schleimhautreizungen: Bei innerer Anwendung in zu hoher Konzentration kann Thymianöl die Magen- und Darmschleimhaut reizen und Übelkeit verursachen.[4]
Atemwegsbeschwerden: Bei Asthmatikern und Kindern mit Pseudokrupp kann Thymianöl in seltenen Fällen eine Verkrampfung der Atemwege (Bronchospasmus) auslösen. Die Tröpfcheninhalation ist für diese Personengruppen kontraindiziert.
Wechselwirkungen: Theoretisch kann Thymianöl die Wirkung blutverdünnender Medikamente (Antikoagulantien) verstärken. Bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.
Thymianöl selber machen
Thymianöl im pharmakologischen Sinn selbst herzustellen ist nur möglich, wenn eine professionelle Wasserdampfdestillationsvorrichtung und die nötigen Kenntnisse der Chemie vorhanden sind. Dennoch brauchen gesundheitsbewusste Laien nicht auf die aromatisch-wohltuenden Eigenschaften des Thymians zu verzichten. Ein schmackhaftes und gesundes Thymianöl für die feine Küche lässt sich sehr einfach selbst herstellen. Dazu werden einige einwandfreie Thymianzweige gründlich gewaschen und mit einem hochwertigen Olivenöl aufgegossen. Mit der Zeit gehen die Aromastoffe aus dem Thymian ins Olivenöl über. Das so entstandene Thymianöl eignet sich hervorragend zur harmonischen Abrundung von mediterranen Speisen, Lamm- und Geflügelgerichten. Für eine ausführliche Anleitung können Sie den Artikel Thymianöl selber machen lesen.
Alternativ können aromatisierte Kräuteröle auch durch leichtes Erwärmen des Olivenöls mit den Thymianzweigen hergestellt werden, was den Prozess beschleunigt. Wichtig ist, dass die Zweige vollständig vom Öl bedeckt sind, um Schimmelbildung zu vermeiden.
Thymianöl kaufen – Worauf sollte geachtet werden?
Beim Kauf von Thymianöl empfiehlt sich ein kritischer Blick auf die Zutatenliste. Hochwertiges, pharmazeutisches Thymianöl wird aus einer der offiziellen Arten hergestellt: Thymus vulgaris (Echter Thymian) oder Thymus zygis (Joch-Thymian), beziehungsweise aus einer Mischung beider Sorten. Nur diese Arten weisen den entsprechenden Anteil an wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen auf.[2]
Beim Kauf sollten folgende Qualitätsmerkmale beachtet werden:
Botanische Bezeichnung: Das Etikett sollte die genaue botanische Art (z. B. Thymus vulgaris ct. thymol) und den Chemotyp angeben. Der Chemotyp „Thymol" ist der wirksamste, während „Linalool" milder und hautverträglicher ist.
Reinheit: 100 % naturreines, ätherisches Öl ohne synthetische Zusätze. Bio-Zertifizierung (z. B. kbA, demeter) ist ein zusätzliches Qualitätsmerkmal.
Herkunft und Gewinnungsverfahren: Angaben zum Anbaugebiet und zur Wasserdampfdestillation sollten vorhanden sein.
Dosierung: Die von der Kommission E empfohlene Menge beträgt 1–2 Gramm Droge in der Zubereitung für die Einzeldosis. In unterdosierten Zubereitungen wirkt Thymianöl eher als Aromastoff denn als Heilmittel.
Thymianöl ist in Apotheken, Drogerien (dm, Rossmann), Reformhäusern und im Onlinehandel erhältlich. In Apotheken ist die Beratungsqualität in der Regel am höchsten, und es werden vorwiegend geprüfte, pharmazeutische Qualitäten angeboten. Bekannte Hersteller hochwertiger Thymianöle sind unter anderem Primavera, Bombastus, Caelo und Taoasis.
Verkaufsformen von Thymianöl
Thymianöl wird in verschiedenen Darreichungsformen angeboten:
Reines ätherisches Öl: Die klassische Form in kleinen Fläschchen (meist 5 oder 10 ml), geeignet für Duftlampen, Inhalationen, Massageöl-Mischungen und Bäder. Thymianöl wird sparsam und tropfenweise verwendet.
Kapseln: Thymianöl-Kapseln enthalten in der Regel ein standardisiertes Gemisch aus ätherischen Ölen, Thymol und Carvacrol oder pulverisiertem Thymian. Sie eignen sich gut für unterwegs und erlauben eine genaue Dosierung.
Kombinationspräparate: Thymianöl ist Bestandteil von Hustensäften, Bonbons, Pastillen, Nasensprays, Erkältungsbalsamen, Bade- und Waschzusätzen, Instanttees, Salben und Mundpflegeprodukten. Als Antiseptikum findet Thymol auch in Mundwässern wie Listerine Verwendung. Kombinationspräparate in flüssiger Form enthalten oft Alkohol.
Thymianöl zum Einreiben: Fertig verdünnte Einreibungen mit Thymianöl in einem Trägeröl, oft als Erkältungsbalsam für Brust und Rücken konzipiert.
Thymianöl ist sowohl in Apotheken, Drogerieabteilungen und -märkten, Naturkostläden sowie im Onlinehandel erhältlich. Beim Kauf von Kapseln und Nahrungsergänzungsmitteln ist besonders auf die Herstellerangaben zu achten, da die Qualität und Zusammensetzung stark variieren können.
Quellenverzeichnis
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