Ölziehen (auch Oil Pulling genannt) ist eine traditionelle Methode der Mundhygiene mit Ursprung in der ayurvedischen Medizin – einer über 3.000 Jahre alten Heilkunst aus Indien. Bei dieser Praxis wird ein hochwertiges Pflanzenöl für mehrere Minuten im Mund hin und her bewegt, durch die Zahnzwischenräume gezogen und anschließend ausgespuckt. Das Ziel: schädliche Bakterien im Mundraum binden, Zahnfleischentzündungen vorbeugen und den Atem erfrischen.
Im Ayurveda sind zwei Formen überliefert: Kavala Graha, bei dem eine kleinere Menge Öl intensiv durch die Zähne gezogen wird, und Gandusha, bei dem der gesamte Mundraum mit Öl gefüllt und ruhig gehalten wird.[1] Beide Varianten sollen die Mundflora ins Gleichgewicht bringen und das allgemeine Wohlbefinden fördern.
Obwohl das Ölziehen lange ausschließlich in der alternativen Medizin Anwendung fand, hat es sich inzwischen auch in westlichen Ländern als ergänzende Maßnahme zur täglichen Zahnpflege etabliert. Mehrere systematische Übersichtsarbeiten und Meta-Analysen aus den Jahren 2020 bis 2024 deuten darauf hin, dass Ölziehen die Bakterienbelastung im Mund senken und Zahnfleischentzündungen reduzieren kann – allerdings ist die Evidenzlage insgesamt noch begrenzt.[2][3]
Wichtig zu wissen: Das Ölziehen ist kein Ersatz für das regelmäßige Zähneputzen, die Verwendung von Zahnseide oder die professionelle Zahnreinigung. Es sollte stets als unterstützende Maßnahme zur Verbesserung der Mundgesundheit verstanden werden.
Welches Öl zum Ölziehen
Die Wahl des richtigen Öls ist entscheidend für die Wirksamkeit des Ölziehens. Unterschiedliche Öle bringen verschiedene Fettsäureprofile und bioaktive Inhaltsstoffe mit, die sich auf ihre antimikrobielle Wirkung und ihr Mundgefühl auswirken. Grundsätzlich sollte das Öl kaltgepresst, nativ und frei von Zusatzstoffen sein, um optimale Ergebnisse zu erzielen. Im Folgenden werden die gängigsten Öle vorgestellt.
Kokosöl
Kokosöl ist das populärste Öl zum Ölziehen und auch das am besten untersuchte. Es besteht zu rund 92 % aus gesättigten Fettsäuren, wobei etwa 45–50 % auf Laurinsäure entfallen – eine mittelkettige Fettsäure mit nachgewiesenen antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften.[4] Laurinsäure kann im Mundraum mit dem Natriumhydroxid im Speichel zu Natriumlaurat reagieren – dem Hauptbestandteil von Seife – was die reinigende Wirkung beim Ölziehen erklären könnte.[4]
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020, die vier randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 182 Teilnehmern auswertete, ergab, dass Kokosöl-Ölziehen die Bakterienkoloniezahl im Speichel signifikant reduzieren und den Plaque-Index verbessern kann.[5] Ein natives, kaltgepresstes Bio-Kokosöl (Virgin Coconut Oil) eignet sich am besten. Da Kokosöl bei Raumtemperatur fest ist, empfiehlt es sich, es vor der Anwendung leicht im Mund schmelzen zu lassen oder kurz zwischen den Händen anzuwärmen.
Sesamöl
Sesamöl ist das traditionelle Öl des ayurvedischen Ölziehens und in den meisten klinischen Studien als Referenz verwendet worden. Es enthält antioxidative Verbindungen wie Sesamin und Sesamolin, die entzündungshemmend wirken können. Eine randomisierte kontrollierte Studie von Asokan et al. (2009) mit 20 Teilnehmern zeigte, dass Ölziehen mit Sesamöl Plaque und Zahnfleischentzündungen ähnlich wirksam reduzierte wie eine Chlorhexidin-Mundspülung.[6] Kaltgepresstes, ungeröstetes Sesamöl ist hierfür zu bevorzugen, da das dunkle Röstöl einen intensiven Geschmack hat und nicht für das Ölziehen geeignet ist.
Olivenöl
Olivenöl wird ebenfalls zum Ölziehen genutzt. Es enthält gesundheitsfördernde Polyphenole wie Oleuropein und Hydroxytyrosol sowie Vitamin E, die antioxidativ und entzündungshemmend wirken. Allerdings gibt es bislang weniger klinische Studien, die Olivenöl explizit im Kontext des Ölziehens untersucht haben, als dies bei Kokos- oder Sesamöl der Fall ist.[3] Wer den Geschmack von Olivenöl im Mund angenehm findet, kann es als Alternative verwenden – idealerweise ein natives Olivenöl extra.
Schwarzkümmelöl
Schwarzkümmelöl (Nigella sativa) wird in der Naturheilkunde für seine antimikrobiellen und entzündungshemmenden Eigenschaften geschätzt. Der Hauptwirkstoff Thymoquinon besitzt antibakterielle Eigenschaften, die auch der Mundgesundheit zugutekommen könnten. Schwarzkümmelöl hat einen intensiven, leicht scharfen Geschmack, weshalb es häufig mit einem milderen Öl gemischt wird. Wissenschaftliche Studien zum Ölziehen speziell mit Schwarzkümmelöl sind allerdings noch sehr selten.
Weitere Öle
Neben den genannten Ölen werden auch Leinöl, Sonnenblumenöl und Rapsöl zum Ölziehen verwendet. Sonnenblumenöl war historisch eines der ersten untersuchten Öle für das Ölziehen, und in der ursprünglichen Methode nach Dr. Karach wurde es empfohlen. Leinöl bringt einen hohen Anteil an Omega-3-Fettsäuren mit, hat jedoch einen eigenwilligen Geschmack, der nicht jedem zusagt. Bei der Auswahl gilt: Achten Sie auf hohe Qualität, Kaltpressung und Bio-Zertifizierung. Letztlich hängt die beste Wahl von individuellen Vorlieben, Verträglichkeit und dem gewünschten Geschmack ab.
Die folgende Übersicht fasst die Eigenschaften der beliebtesten Öle zusammen:
| Öl | Hauptwirkstoffe | Geschmack | Studienlage |
|---|---|---|---|
| Kokosöl | Laurinsäure (45–50 %) | Mild, leicht süßlich | Gut untersucht |
| Sesamöl | Sesamin, Sesamolin | Nussig, mild | Am meisten untersucht |
| Olivenöl | Oleuropein, Polyphenole | Fruchtig bis herb | Weniger untersucht |
| Schwarzkümmelöl | Thymoquinon | Scharf, intensiv | Kaum untersucht |
| Sonnenblumenöl | Linolsäure, Vitamin E | Neutral, mild | Mäßig untersucht |
| Leinöl | Alpha-Linolensäure | Nussig, herb | Kaum untersucht |
Anleitung zum Ölziehen
Das Ölziehen ist eine einfache Methode, die sich ohne großen Aufwand in die morgendliche Routine integrieren lässt. Mit der folgenden Schritt-für-Schritt-Anleitung gelingt die Anwendung von Beginn an richtig.
Vorbereitung
Wählen Sie ein hochwertiges, kaltgepresstes und unraffiniertes Öl Ihrer Wahl – etwa natives Kokosöl, kaltgepresstes Sesamöl oder ein anderes geeignetes Speiseöl. Stellen Sie sicher, dass Sie das Ölziehen auf nüchternen Magen durchführen, idealerweise direkt nach dem Aufstehen und noch vor dem Frühstück oder dem ersten Kaffee.
Durchführung in 5 Schritten
- Öl in den Mund nehmen: Nehmen Sie etwa einen Esslöffel (ca. 10–15 ml) Öl in den Mund. Bei Kokosöl lassen Sie das feste Stück einfach im Mund schmelzen.
- Langsam durch die Zähne ziehen: Bewegen Sie das Öl für 15 bis 20 Minuten langsam und gleichmäßig im Mundraum – ziehen Sie es durch die Zahnzwischenräume, schieben Sie es von einer Seite zur anderen und spülen Sie es um die Zähne herum. Das Öl sollte dabei nicht gegurgelt werden.
- Nicht schlucken: Das Öl reichert sich während des Ziehens mit Bakterien und Speichel an. Schlucken Sie es daher auf keinen Fall herunter.
- Ausspucken: Spucken Sie das Öl nach der Anwendung in ein Papiertuch oder den Mülleimer aus – nicht ins Waschbecken oder die Toilette, da insbesondere Kokosöl beim Abkühlen fest wird und die Rohre verstopfen kann.
- Mund ausspülen und Zähne putzen: Spülen Sie Ihren Mund gründlich mit warmem Wasser aus und putzen Sie anschließend wie gewohnt Ihre Zähne.
Tipps für Anfänger
Wenn Ihnen 15 bis 20 Minuten zu Beginn zu lang erscheinen, starten Sie mit 5 Minuten und steigern Sie die Dauer schrittweise. Das Ölziehen lässt sich gut mit Morgentätigkeiten wie Duschen oder dem Zubereiten des Frühstücks kombinieren. Führen Sie die Bewegungen sanft und ohne Anstrengung durch – Kiefermuskeln und Wangen sollten dabei nicht übermäßig beansprucht werden.
Ölziehen morgens oder abends
Eine der häufigsten Fragen lautet: Soll man das Ölziehen morgens oder abends durchführen? Im Ayurveda wird das Ölziehen traditionell morgens auf nüchternen Magen empfohlen – und dafür gibt es gute Gründe. Über Nacht vermehren sich Bakterien im Mundraum besonders stark, weshalb die Bakterienbelastung am Morgen vor dem Frühstück am höchsten ist. Durch das Ölziehen direkt nach dem Aufstehen werden diese Bakterien gebunden und entfernt, bevor sie mit der ersten Mahlzeit in den Magen-Darm-Trakt gelangen.
Grundsätzlich ist das Ölziehen auch am Abend möglich – etwa vor dem Schlafengehen. Entscheidend ist, dass der Magen möglichst leer ist, damit kein Würgereiz auftritt. Wer das Ölziehen abends durchführen möchte, sollte mindestens zwei Stunden nach der letzten Mahlzeit warten. Einige Anwender berichten davon, das Ölziehen morgens und abends durchzuführen, was nach aktuellem Wissensstand unbedenklich ist – die meisten Studien untersuchen jedoch eine einmalige tägliche Anwendung.
Ölziehen vor oder nach dem Zähneputzen
Die Frage, ob das Ölziehen vor oder nach dem Zähneputzen erfolgen sollte, wird sowohl in Foren als auch in Fachkreisen kontrovers diskutiert. Die ayurvedische Tradition und die Mehrzahl der klinischen Studien sehen das Ölziehen vor dem Zähneputzen vor.[6][7]
Die empfohlene Reihenfolge lautet demnach: zunächst Ölziehen, dann den Mund mit warmem Wasser ausspülen und anschließend die Zähne wie gewohnt mit Zahnpasta putzen. Auf diese Weise werden die gelösten Bakterien und Rückstände gründlich entfernt. Nach dem Ölziehen auf das Zähneputzen zu verzichten, ist nicht ratsam – das Putzen ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Mundhygiene und sollte niemals durch das Ölziehen ersetzt werden.
Wie lange Ölziehen
In der ayurvedischen Tradition und in den meisten klinischen Studien wird eine Dauer von 15 bis 20 Minuten empfohlen.[1] Dieser Zeitraum scheint ausreichend zu sein, damit das Öl die Bakterien im Mundraum effektiv binden kann, ohne dabei die Mundschleimhaut zu reizen.
Für Einsteiger, die 20 Minuten als zu anstrengend empfinden, ist es sinnvoll, mit 5 Minuten zu beginnen und die Dauer über einige Wochen auf die empfohlenen 15 bis 20 Minuten zu steigern. Weniger als 5 Minuten gelten als wenig wirksam, da die mechanische und biochemische Wirkung des Ölziehens eine gewisse Zeit benötigt. Länger als 20 Minuten ist in der Regel nicht notwendig und kann zu Kieferermüdung führen.
Hinsichtlich der Häufigkeit empfehlen die meisten Quellen eine tägliche Anwendung. Wer das Ölziehen als Kur durchführen möchte, kann es auch drei- bis fünfmal pro Woche in die Routine integrieren. Erste spürbare Ergebnisse – wie ein frischeres Mundgefühl oder eine Reduktion von Zahnbelag – werden von vielen Anwendern nach ein bis zwei Wochen berichtet.
Wirkung von Ölziehen
Die dem Ölziehen zugeschriebenen Wirkungen reichen von klinisch untersuchten Effekten auf die Mundgesundheit bis hin zu Erfahrungsberichten über systemische Verbesserungen. Im Folgenden werden die verschiedenen Wirkungsbereiche differenziert betrachtet – mit klarer Trennung zwischen wissenschaftlich belegten und anekdotischen Aussagen.
Zahnfleisch und Parodontose
Die Wirkung auf das Zahnfleisch gehört zu den am besten untersuchten Effekten des Ölziehens. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 mit 25 randomisierten kontrollierten Studien und 1.184 Teilnehmern kam zu dem Ergebnis, dass Ölziehen wahrscheinlich zur Verbesserung der Zahnfleischgesundheit beitragen kann – allerdings bei insgesamt geringer Evidenzsicherheit.[2] Die Studie von Asokan et al. (2009) zeigte zudem, dass Ölziehen mit Sesamöl Zahnfleischentzündungen ähnlich wirksam reduzierte wie Chlorhexidin-Mundspülung.[6]
Bei bestehender Parodontose oder Parodontitis kann das Ölziehen als ergänzende Maßnahme zur zahnärztlichen Behandlung eingesetzt werden. Eine Studie aus dem Jahr 2025 bestätigte, dass Kokosöl-Ölziehen antiinflammatorische Effekte über die Reduktion proinflammatorischer Zytokine (IL-6, TNF-α) haben könnte.[8] Es ist jedoch kein Ersatz für eine professionelle Parodontosebehandlung.
Ölziehen gegen Mundgeruch
Mundgeruch (Halitosis) entsteht häufig durch flüchtige Schwefelverbindungen, die von gramnegativen Bakterien im Mundraum produziert werden. Eine randomisierte kontrollierte Pilotstudie von Asokan et al. (2011) mit 20 Teilnehmern zeigte, dass Ölziehen mit Sesamöl Mundgeruch und die dafür verantwortlichen Mikroorganismen ähnlich wirksam reduzierte wie eine Chlorhexidin-Mundspülung.[7] Die Wirkung wird auf die Fähigkeit des Öls zurückgeführt, Bakterien durch den sogenannten Emulgierungseffekt zu binden und mechanisch zu entfernen.
Ölziehen für weiße Zähne
Viele Anwender berichten, dass ihre Zähne nach regelmäßigem Ölziehen heller und weißer erscheinen. In der Tat zeigte eine Studie, dass Ölziehen im Vergleich zu Chlorhexidin signifikant weniger Verfärbungen verursacht.[5] Es gibt jedoch keine klinischen Studien, die eine tatsächliche Aufhellungswirkung des Ölziehens auf die Zahnfarbe belegen. Der subjektive Eindruck hellerer Zähne könnte darauf zurückzuführen sein, dass durch die Reduktion von Plaque und Belägen die natürliche Zahnfarbe besser zur Geltung kommt. Wer eine echte Zahnaufhellung wünscht, sollte professionelle Bleaching-Methoden mit dem Zahnarzt besprechen.
Ölziehen gegen Karies und Plaque
Die Bildung von Zahnbelag (Plaque) ist ein wesentlicher Risikofaktor für Karies. Mehrere Studien haben gezeigt, dass Ölziehen den Plaque-Index reduzieren kann, wobei die Ergebnisse je nach Studiendesign variieren.[3] Eine Studie von Peedikayil et al. (2016) zeigte, dass Kokosöl-Ölziehen die Anzahl der Streptococcus mutans – des Hauptverursachers von Karies – im Speichel signifikant verringern konnte.[9] Es gibt allerdings keine Studien, die belegen, dass Ölziehen bestehende Karies heilen kann. Die Praxis kann lediglich als präventive Ergänzung zum Zähneputzen angesehen werden.
Wirkung auf die Haut
Im Internet finden sich zahlreiche Erfahrungsberichte, die dem Ölziehen positive Auswirkungen auf Hautprobleme wie Akne, unreine Haut oder Neurodermitis zuschreiben. Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Studien, die einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen Ölziehen und Hautverbesserungen belegen. Theoretisch könnte eine verbesserte Mundgesundheit indirekt zur Gesamtgesundheit beitragen, da chronische Entzündungen im Mundraum mit systemischen Entzündungsprozessen in Verbindung gebracht werden – dies ist jedoch spekulativ und nicht ausreichend erforscht.
Ölziehen und Entgiftung
Die Vorstellung, dass Ölziehen den Körper „entgiftet", ist in der Naturheilkunde weit verbreitet, entbehrt jedoch einer wissenschaftlichen Grundlage. Es gibt keine Evidenz dafür, dass Ölziehen Giftstoffe aus dem Blutkreislauf über die Mundschleimhaut „herausziehen" kann.[1] Was das Ölziehen nachweislich kann, ist die mechanische Entfernung von Bakterien und deren Stoffwechselprodukten aus dem Mundraum – eine lokale Reinigung, die durchaus wertvoll ist, aber nicht mit einer systemischen Entgiftung gleichzusetzen ist.
Wirkung auf den Darm
Einige Anwender berichten von einer verbesserten Verdauung und einem positiveren Bauchgefühl nach dem Ölziehen. Wissenschaftlich gibt es bislang keine Studien, die eine direkte Wirkung des Ölziehens auf die Darmgesundheit oder bei Magenschleimhautentzündungen nachweisen. Es ist denkbar, dass eine reduzierte orale Bakterienlast indirekt die Magen-Darm-Gesundheit beeinflusst – schließlich werden orale Bakterien mit jeder Mahlzeit verschluckt. Dieser mögliche Zusammenhang ist jedoch bislang nicht klinisch untersucht worden.
Wissenschaftliche Studien zum Ölziehen
Die wissenschaftliche Studienlage zum Ölziehen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Wurden früher nur vereinzelte Pilotstudien mit kleinen Teilnehmerzahlen durchgeführt, liegen mittlerweile mehrere systematische Reviews und Meta-Analysen vor, die die vorhandene Evidenz zusammenfassen.
Die umfangreichste Meta-Analyse stammt von Jong et al. (2024) und wurde im International Journal of Dental Hygiene veröffentlicht. Sie schloss 25 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1.184 Teilnehmern ein und kam zu folgenden Ergebnissen: Ölziehen zeigte einen wahrscheinlichen Nutzen bei der Verbesserung der Zahnfleischgesundheit (gemessen am Gingival Index). Chlorhexidin blieb jedoch beim Plaque-Index überlegen. Die Gesamtbewertung der Evidenz nach dem GRADE-System war allerdings „sehr niedrig".[2]
Eine frühere Meta-Analyse von Peng et al. (2022) im Journal Healthcare wertete neun RCTs mit 344 Teilnehmern aus. Die Ergebnisse zeigten eine signifikante Reduktion der Bakterienkoloniezahl im Speichel, jedoch keine signifikanten Unterschiede beim Plaque-Index und Gingival-Index im Vergleich zu den Kontrollgruppen.[3]
Die systematische Übersichtsarbeit von Woolley et al. (2020) im Fachjournal Heliyon fokussierte sich speziell auf Kokosöl und schloss vier RCTs mit 182 Teilnehmern ein. Sie fand signifikante Verbesserungen bei der Bakterienkoloniezahl und dem Plaque-Index, betonte jedoch das hohe Verzerrungsrisiko der eingeschlossenen Studien.[5]
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die bisherigen Studien deuten auf einen möglichen Nutzen des Ölziehens für die Mundgesundheit hin – insbesondere bei der Reduktion oraler Bakterien und Zahnfleischentzündungen. Die methodische Qualität vieler Studien ist jedoch begrenzt (kleine Teilnehmerzahlen, kurze Studiendauern, hohes Verzerrungsrisiko). Weitere qualitativ hochwertige Langzeitstudien mit größeren Stichproben sind notwendig, um die Effekte des Ölziehens abschließend zu bewerten.[10]
Ölziehen bei speziellen Bedingungen
Kronen und Brücken
Ölziehen kann auch von Personen mit Zahnkronen und Brücken durchgeführt werden. Es gibt keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass das Ölziehen festsitzende Zahnrestaurationen schädigt oder lockert. Das sanfte Ziehen des Öls übt keinen mechanischen Druck aus, der mit dem Kauen vergleichbar wäre. Sollten Kronen oder Brücken bereits locker sein, ist jedoch Vorsicht geboten – in diesem Fall sollte zunächst der Zahnarzt konsultiert werden, bevor das Ölziehen aufgenommen wird.
Amalgamfüllungen
Ob das Ölziehen bei vorhandenen Amalgamfüllungen unbedenklich ist, wird kontrovers diskutiert. Die Befürchtung einiger Kritiker: Das Öl könnte Quecksilber aus den Füllungen lösen. Wissenschaftliche Belege für diesen Effekt gibt es bislang nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) hat sich zum Ölziehen nicht explizit positioniert. Wer Amalgamfüllungen hat und das Ölziehen ausprobieren möchte, sollte im Zweifelsfall den behandelnden Zahnarzt um Rat fragen.
Parodontose und Parodontitis
Bei bestehender Parodontose oder Parodontitis kann das Ölziehen als ergänzende Maßnahme zur professionellen zahnärztlichen Behandlung sinnvoll sein. Studien zeigen, dass Ölziehen Zahnfleischentzündungen reduzieren kann, was bei parodontalen Erkrankungen ein relevanter Faktor ist.[2][8] Das Ölziehen ersetzt jedoch keinesfalls die professionelle Parodontosebehandlung mit Scaling, Root Planing oder gegebenenfalls chirurgischen Maßnahmen.
Schwangerschaft
Ölziehen während der Schwangerschaft ist grundsätzlich unbedenklich, da es sich um eine äußerliche, rein mechanische Anwendung mit Speiseölen handelt. Da Schwangerschaftshormone das Zahnfleisch empfindlicher machen können (Schwangerschaftsgingivitis), könnte das Ölziehen sogar als ergänzende Maßnahme zur Zahnfleischpflege sinnvoll sein. Schwangere sollten jedoch auf mögliche Unverträglichkeiten achten – insbesondere kann der Geschmack bestimmter Öle in der Frühschwangerschaft Übelkeit auslösen. Im Zweifelsfall empfiehlt sich eine Rücksprache mit dem Frauenarzt oder Zahnarzt.
Zahnspange und Retainer
Das Ölziehen kann auch mit festsitzender Zahnspange oder einem Retainer durchgeführt werden. Da das Öl flüssig ist, erreicht es auch schwer zugängliche Stellen rund um Brackets und Drähte, die mit der Zahnbürste nur schwer zu reinigen sind. Besonders bei fester Zahnspange kann das Ölziehen als ergänzende Reinigungsmaßnahme zur Reduktion von Plaque und Bakterienbelag sinnvoll sein.
Nebenwirkungen und Erstverschlimmerung
Das Ölziehen gilt bei korrekter Durchführung als sehr sichere Methode, die kaum Nebenwirkungen verursacht. Dennoch berichten einige Anwender von anfänglichen Beschwerden, die häufig als „Erstverschlimmerung" bezeichnet werden.
Mögliche Nebenwirkungen
In seltenen Fällen können folgende Beschwerden auftreten: Kieferschmerzen oder Muskelkater durch die ungewohnte Mundbewegung (besonders bei zu langer Anwendungsdauer), leichte Übelkeit (insbesondere wenn das Öl versehentlich teilweise geschluckt wird), Zahnfleischreizungen bei zu aggressivem Ziehen oder vorübergehend erhöhte Zahnempfindlichkeit. Ein äußerst seltenes, aber ernstes Risiko ist die Lipidpneumonie, die entstehen kann, wenn Öl versehentlich in die Lunge aspiriert wird. Daher sollte das Öl niemals gegurgelt und nicht von kleinen Kindern angewendet werden.[1]
Erstverschlimmerung
Manche Anwender berichten von einer Erstverschlimmerung in den ersten Tagen des Ölziehens – dazu gehören verstärkter Mundgeruch, Zahnfleischbluten, Hautunreinheiten oder leichte Kopfschmerzen. In der Naturheilkunde wird dies als Zeichen einer „Entgiftungsreaktion" gedeutet. Wissenschaftliche Belege für eine solche Erstverschlimmerung durch Ölziehen gibt es nicht. Die beschriebenen Symptome könnten auch auf vorbestehende Zahnfleischerkrankungen hinweisen, die durch das Ölziehen erstmals bewusst wahrgenommen werden. Sollten Beschwerden über mehrere Tage anhalten oder sich verschlimmern, ist ein Zahnarztbesuch empfehlenswert.
Ölziehen: Kritische Betrachtung
Was die Wissenschaft sagt
Die Forschungslage zum Ölziehen hat sich verbessert, bleibt aber in ihrer Aussagekraft eingeschränkt. Die größte Meta-Analyse (Jong et al., 2024) bewertete die Evidenz insgesamt als „sehr niedrig" nach GRADE-Kriterien.[2] Die wesentlichen methodischen Schwächen der vorhandenen Studien sind: kleine Stichproben (häufig 10–30 Teilnehmer pro Gruppe), kurze Studiendauern (meist 7–30 Tage), fehlendes oder unzureichendes Verblinden sowie heterogene Studienprotokolle bezüglich Ölsorte, Ziehzeit und Häufigkeit.
Überschätzte Wirkungen
Im Internet und in sozialen Medien werden dem Ölziehen häufig Wirkungen zugeschrieben, die weit über die wissenschaftliche Evidenz hinausgehen – darunter Gewichtsverlust, Heilung von Diabetes, Linderung von Arthrose oder Anti-Aging-Effekte. Für diese Behauptungen gibt es keinerlei wissenschaftliche Belege. Auch die verbreitete Vorstellung einer systemischen „Entgiftung" durch Ölziehen ist wissenschaftlich nicht haltbar.[10]
Empfehlungen von Zahnärzten
Die meisten Zahnärzte und zahnmedizinischen Fachgesellschaften betrachten das Ölziehen als unbedenkliche, aber nicht notwendige Ergänzung zur herkömmlichen Zahnpflege. Es wird in der Regel akzeptiert, solange es das Zähneputzen, die Zahnseide und regelmäßige zahnärztliche Kontrollen nicht ersetzt. Wer das Ölziehen ausprobieren möchte, sollte dies als zusätzliche Maßnahme innerhalb einer umfassenden Mundhygiene-Routine betrachten – nicht als Alternative dazu.
Fazit und Zusammenfassung
Ölziehen ist eine traditionelle ayurvedische Praxis, die als ergänzende Maßnahme zur täglichen Mundhygiene Vorteile bieten kann. Die wichtigsten Erkenntnisse im Überblick:
Wissenschaftlich gibt es Hinweise darauf, dass regelmäßiges Ölziehen die Bakterienlast im Mundraum senken, Zahnfleischentzündungen reduzieren und Mundgeruch vermindern kann. Kokosöl und Sesamöl sind die am besten untersuchten Öle. Die ideale Anwendung erfolgt morgens auf nüchternen Magen, vor dem Zähneputzen, für 15 bis 20 Minuten. Behauptungen über systemische Wirkungen wie Entgiftung, Hautverbesserung oder Gewichtsverlust sind wissenschaftlich nicht belegt.
Das Ölziehen ersetzt weder das Zähneputzen noch die professionelle Zahnreinigung. Wer es ausprobieren möchte, kann es als kostengünstige, nebenwirkungsarme Ergänzung in die Mundpflege-Routine integrieren. Sprechen Sie im Zweifelsfall mit Ihrem Zahnarzt, insbesondere wenn Sie Amalgamfüllungen, lockere Kronen oder fortgeschrittene Zahnfleischerkrankungen haben.
Quellen
- Naseem, M., Khiyani, M. F., Nauman, H., Zafar, M. S., Shah, A. H., & Khalil, H. S. (2017). Oil pulling and importance of traditional medicine in oral health maintenance. International Journal of Health Sciences, 11(4), 65–70. PMID: 29085271
- Jong, F. J. X., Ooi, D. J., & Teoh, S. L. (2024). The effect of oil pulling in comparison with chlorhexidine and other mouthwash interventions in promoting oral health: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Dental Hygiene, 22(1), 78–94. doi:10.1111/idh.12725
- Peng, T. R., Cheng, H. Y., Wu, T. W., & Ng, B. K. (2022). Effectiveness of Oil Pulling for Improving Oral Health: A Meta-Analysis. Healthcare, 10(10), 1991. doi:10.3390/healthcare10101991
- Peedikayil, F. C., Sreenivasan, P., & Narayanan, A. (2015). Effect of coconut oil in plaque related gingivitis – A preliminary report. Nigerian Medical Journal, 56(2), 143–147. doi:10.4103/0300-1652.153406
- Woolley, J., Gibbons, T., Patel, K., & Sacco, R. (2020). The effect of oil pulling with coconut oil to improve dental hygiene and oral health: A systematic review. Heliyon, 6(8), e04789. doi:10.1016/j.heliyon.2020.e04789
- Asokan, S., Emmadi, P., & Chamundeswari, R. (2009). Effect of oil pulling on plaque induced gingivitis: A randomized, controlled, triple-blind study. Indian Journal of Dental Research, 20(1), 47–51. doi:10.4103/0970-9290.49067
- Asokan, S., Kumar, R. S., Emmadi, P., Raghuraman, R., & Sivakumar, N. (2011). Effect of oil pulling on halitosis and microorganisms causing halitosis: A randomized controlled pilot trial. Journal of Indian Society of Pedodontics and Preventive Dentistry, 29(2), 90–94. doi:10.4103/0970-4388.84678
- García-Caro, M. E. et al. (2025). Anti-inflammatory and antimicrobial efficacy of coconut oil for periodontal pathogens: a triple-blind randomized clinical trial. Clinical Oral Investigations, 29, 53. doi:10.1007/s00784-024-06134-y
- Peedikayil, F. C., Remy, V., John, S., Chandru, T. P., Sreenivasan, P., & Bijapur, G. A. (2016). Comparison of antibacterial efficacy of coconut oil and chlorhexidine on Streptococcus mutans: An in vivo study. Journal of International Society of Preventive and Community Dentistry, 6(5), 447–452. doi:10.4103/2231-0762.192934
- Gbinigie, O., Onakpoya, I., Spencer, E., McCall MacBain, M., & Heneghan, C. (2016). Effect of oil pulling in promoting oro dental hygiene: A systematic review of randomized clinical trials. Complementary Therapies in Medicine, 26, 47–54. doi:10.1016/j.ctim.2016.02.011