Lavendelöl zählt zu den am intensivsten erforschten ätherischen Ölen der modernen Phytotherapie – und seine Wirkung geht weit über den angenehmen Duft hinaus. Das ätherische Öl des Echten Lavendels (Lavandula angustifolia) enthält über 100 bioaktive Verbindungen, von denen Linalool (25–38 %) und Linalylacetat (25–47 %) die pharmakologisch bedeutsamsten sind. Beide Substanzen greifen gezielt in die Signalübertragung des Nervensystems ein und erklären, warum Lavendelöl seit Jahrhunderten als Beruhigungsmittel, Schmerzlinderer und Wundheilmittel geschätzt wird.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat Lavendelöl als pflanzliches Arzneimittel anerkannt, und die World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) empfiehlt es in ihren aktuellen Leitlinien zur Behandlung von Angststörungen. Forschungsergebnisse aus Meta-Analysen, randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) und In-vitro-Untersuchungen belegen mindestens neun distinkte Wirkungsprofile – von angstlösend über antibakteriell bis insektenabweisend.

Dieser Artikel ist die zentrale Referenz für alle Wirkmechanismen von Lavendelöl auf oelerini.com. Sie erfahren, wie Linalool auf molekularer Ebene wirkt, über welche Wege das Öl in den Körper gelangt und welche Wirkungen durch Studien belegt sind – sortiert nach Evidenzgrad. Für die praktische Anwendung von Lavendelöl und mögliche Nebenwirkungen verweisen wir auf die jeweiligen Spezialartikel.
Auf einen Blick
- Hauptwirkstoffe: Linalool (25–38 %) und Linalylacetat (25–47 %) modulieren GABAA-Rezeptoren, hemmen spannungsabhängige Calciumkanäle und beeinflussen die Serotonin-Wiederaufnahme.
- Zwei Aufnahmewege: Über die Nase erreicht Lavendelöl in Sekunden das limbische System; über die Haut gelangen Linalool und Linalylacetat innerhalb von 5–20 Minuten in den Blutkreislauf.
- Stärkste Evidenz: Die angstlösende und schlaffördernde Wirkung ist durch mehrere Meta-Analysen und RCTs belegt – oral verabreichtes Lavendelöl (Silexan, 80 mg/Tag) wirkt vergleichbar mit Lorazepam und Paroxetin.[1]
- Breites Wirkspektrum: Lavendelöl wirkt nachweislich antibakteriell, antifungal, entzündungshemmend, schmerzlindernd, krampflösend und wundheilungsfördernd.
- Synergie-Effekt: Das vollständige ätherische Öl wirkt stärker als isoliertes Linalool – die Kombination aller Inhaltsstoffe verstärkt die Einzelwirkungen.
- Nur Echter Lavendel: Alle beschriebenen Wirkungen gelten für Lavandula angustifolia – nicht für Lavandin oder Speiklavendel (Sortenvergleich).
Wie wirkt Lavendelöl? Die wichtigsten Wirkmechanismen
Lavendelöl entfaltet seine Wirkung über drei zentrale pharmakologische Mechanismen: die allosterische Modulation von GABAA-Rezeptoren, die Hemmung spannungsabhängiger Calciumkanäle und die Beeinflussung der serotonergen Neurotransmission – zusammen erklären diese Mechanismen das breite Spektrum von Beruhigung über Schmerzlinderung bis zur Stimmungsaufhellung.[2]
GABAA-Rezeptor-Modulation durch Linalool
Linalool, ein acyclisches Monoterpenoid und Hauptbestandteil von Lavendelöl, verstärkt die Wirkung des hemmenden Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure (GABA) an GABAA-Rezeptoren – dem gleichen Rezeptortyp, an dem Benzodiazepine wie Diazepam angreifen.[3] Elektrophysiologische Messungen zeigen, dass Linalool die GABAergen Ströme allosterisch um das 1,5- bis 1,7-Fache verstärkt. Dieser Mechanismus erklärt die angstlösende und sedierende Wirkung von Lavendelöl. Eine Schlüsselstudie von Harada et al. (2018) an der Kagoshima University belegte, dass der GABAA-Antagonist Flumazenil die angstlösende Wirkung von Linalool vollständig aufhob – ein starker Hinweis auf die GABAerge Vermittlung.[4] Anosme Mäuse (ohne funktionierenden Geruchssinn) zeigten keine angstlösende Reaktion, was bestätigt, dass der olfaktorische Weg entscheidend für diese Wirkung ist.
Hemmung spannungsabhängiger Calciumkanäle
Lavendelöl hemmt spannungsabhängige Calciumkanäle (VOCCs) und reduziert dadurch die Ausschüttung von erregenden Neurotransmittern – ein Wirkmechanismus, der unabhängig vom GABA-System funktioniert und besonders für die schmerzlindernde Wirkung relevant ist.[5] Schuwald et al. (2013) wiesen nach, dass Lavendelöl die intrazelluläre Calcium-Konzentration in Nervenzellen senkt und dabei sowohl an L-Typ- als auch an T-Typ-Calciumkanälen ansetzt. Linalool blockiert zusätzlich nozizeptive TRPA1-Kanäle in sensorischen Neuronen, was die schmerzlindernde Wirkung auf molekularer Ebene erklärt.[6]
Serotonin-Wiederaufnahmehemmung und NMDA-Rezeptoren
Lavendelöl beeinflusst neben dem GABAergen System auch die serotonerge Neurotransmission – es hemmt den Serotonin-Transporter (SERT) und moduliert glutamaterge NMDA-Rezeptoren, was die antidepressive Wirkung erklären kann.[7] López et al. (2017) zeigten an der Universität Navarra, dass Lavandula angustifolia-Öl eine Affinität zum NMDA-Rezeptor und zum Serotonin-Transporter besitzt, jedoch nicht zum GABAA-Benzodiazepin-Rezeptor. Diese Befunde deuten auf einen dualen Wirkmechanismus hin: Die angstlösende Wirkung läuft primär über GABAA-Rezeptoren (vermittelt durch Linalool), während die stimmungsaufhellende Wirkung über das serotonerge System vermittelt wird.
Wirkung über die Nase: Vom Riechkolben zum limbischen System
Beim Einatmen von Lavendelöl gelangen die flüchtigen Monoterpene Linalool und Linalylacetat über die Riechschleimhaut der Nase direkt an den Riechkolben (Bulbus olfactorius), von wo aus Signale innerhalb von Millisekunden das limbische System erreichen – jene Hirnregion, die Emotionen, Stressreaktionen und das vegetative Nervensystem steuert.[8]
Die Duftmoleküle binden an Geruchsrezeptoren in der Riechschleimhaut. Von dort leiten olfaktorische Neuronen die Signale über den Riechkolben an die Amygdala und den Hippocampus weiter. Die Amygdala reguliert Angstreaktionen, der Hippocampus verknüpft Geruchseindrücke mit Erinnerungen. Gleichzeitig projiziert der piriförmige Cortex zum orbitofrontalen Cortex, der wiederum hemmende Signale an den Locus coeruleus sendet – das zentrale Erregungszentrum des Gehirns. Lavendelöl fördert auf diesem Weg die Dominanz des Parasympathikus: Die Herzfrequenz sinkt, der Blutdruck fällt, die Muskelspannung lässt nach.[9]
Satou et al. (2024) bestätigten diese autonome Wirkung in einer Studie an wachen Mäusen: Inhaliertes Linalool verschob das Gleichgewicht des autonomen Nervensystems signifikant in Richtung Parasympathikus. Das Wirkprinzip ätherischer Öle über den Riechweg unterscheidet sich damit grundlegend von oral verabreichten Arzneimitteln, weil es die Blut-Hirn-Schranke umgeht.
Wirkung über die Haut: Transdermale Resorption
Linalool und Linalylacetat durchdringen die Hautbarriere innerhalb weniger Minuten und erreichen nach transdermaler Aufnahme den systemischen Blutkreislauf – bereits 5 Minuten nach einer Lavendelöl-Massage sind beide Substanzen im Blutplasma nachweisbar, mit Spitzenkonzentrationen nach etwa 19–30 Minuten.[10]
Die Penetration erfolgt bevorzugt über den interzellulären Weg (durch die Lipidschichten zwischen den Hornzellen) und über den Shunt-Weg (entlang von Haarfollikeln und Schweißdrüsen). Beide Inhaltsstoffe sind lipophil und besitzen ein niedriges Molekulargewicht – ideale Voraussetzungen für die transdermale Aufnahme. Jäger et al. (1992) wiesen in einer Massage-Studie Spitzenplasmakonzentrationen von 100 ng/ml für Linalool und 121 ng/ml für Linalylacetat nach, mit einer Halbwertszeit von jeweils rund 14 Minuten.[10]
Heuberger et al. (2004) trennten in einem eleganten Versuchsdesign die dermale von der olfaktorischen Wirkung: Probanden trugen Atemmasken, während Linalool auf die Haut aufgetragen wurde. Ergebnis: Auch ohne Duftwahrnehmung sank der systolische Blutdruck signifikant – ein Beleg dafür, dass Lavendelöl über die Haut systemische, physiologisch messbare Effekte auslöst.[11] Für die Praxis bedeutet das: Massagen und Bäder mit Lavendelöl wirken nicht nur lokal auf die Haut, sondern entfalten über die Blutbahn auch zentrale Wirkungen auf das Nervensystem.
Alle nachgewiesenen Wirkungen im Überblick
Lavendelöl besitzt mindestens neun wissenschaftlich untersuchte Wirkungsprofile, die sich in ihrer Evidenzstärke deutlich unterscheiden – von starker klinischer Evidenz durch Meta-Analysen bis zu vorläufiger In-vitro-Evidenz, die weiterer Bestätigung am Menschen bedarf.
| Wirkung | Evidenzgrad | Wirkmechanismus | Studienlage |
|---|---|---|---|
| Anxiolytisch (angstlösend) | Stark | GABAA-Modulation, VOCC-Hemmung, SERT-Hemmung | Mehrere Meta-Analysen, RCTs (n>1.200) |
| Sedierend / schlaffördernd | Stark | GABAA-Modulation, parasympathische Aktivierung | Meta-Analysen, RCTs |
| Analgetisch (schmerzlindernd) | Moderat | TRPA1-Hemmung, VOCC-Hemmung, Opioid-/Cannabinoid-Interaktion | RCTs bei Migräne, postoperativem Schmerz |
| Antibakteriell / antimikrobiell | Stark (in vitro) | Membranstörung, Hemmung der Zellwandsynthese | Systematischer Review mit 23 Studien |
| Antifungal (pilzhemmend) | Moderat | Membranstörung bei Pilzzellen | In-vitro-Studien gegen Candida, Aspergillus |
| Entzündungshemmend | Moderat | Hemmung proinflammatorischer Zytokine (IL-6, TNF-α) | In-vitro- und Tiermodelle, erste klinische Daten |
| Krampflösend (spasmolytisch) | Moderat | Relaxation glatter Muskulatur über cGMP/K+-Kanäle | In-vitro-Studien, klinische Fallberichte |
| Wundheilungsfördernd | Moderat | Kollagensynthese-Förderung, antimikrobielle Wunddesinfektion | Tiermodelle, erste klinische Studien |
| Insektenrepellent | Moderat | Blockade olfaktorischer Rezeptoren bei Insekten | Kontrollierte Feldstudien, Laborversuche |
Anxiolytische Wirkung – die am besten belegte Eigenschaft
Lavendelöl senkt Angstsymptome nachweislich und dosisabhängig – eine Meta-Analyse von Dold et al. (2023) über fünf placebokontrollierte RCTs mit insgesamt 1.213 Teilnehmern ergab eine signifikante Überlegenheit von oral verabreichtem Lavendelöl (Silexan, 80 mg/Tag) gegenüber Placebo bei der Reduktion des Hamilton Anxiety Scale (HAMA) Gesamtscores um durchschnittlich 2,93 Punkte.[1] Kasper et al. (2014) zeigten in einer doppelblinden Studie mit 539 Patienten mit generalisierter Angststörung, dass 80 mg Silexan pro Tag dem Placebo signifikant überlegen war und auf deskriptiver Ebene mindestens so wirksam wie 20 mg Paroxetin.[12] Für die detaillierte Darstellung klinischer Angststudien und des Einsatzes bei psychischen Beschwerden verweisen wir auf den Spezialartikel zur Wirkung von Lavendelöl auf die Psyche.
Sedierende und schlaffördernde Wirkung
Lavendelöl verbessert die Schlafqualität über eine Kombination aus GABA-vermittelter Sedierung und parasympathischer Aktivierung – eine Meta-Analyse von Donelli et al. (2019) mit 1.682 Teilnehmern fand einen signifikanten Effekt der Lavendelinhalation auf die Reduktion von Angstsymptomen (Hedges' g = −0,73), wobei Schlaflosigkeit zu den am stärksten gebesserten Einzelsymptomen gehörte.[13] Die schlaffördernde Wirkung tritt sowohl über Inhalation als auch über orale Einnahme ein. Details zu Schlafprotokollen und Diffuser-Rezepten finden Sie im Artikel Lavendelöl zum Einschlafen.
Schmerzlindernde Wirkung
Lavendelöl reduziert Schmerzen über die Hemmung nozizeptiver TRPA1-Kanäle und spannungsabhängiger Calciumkanäle in sensorischen Neuronen – Hashimoto et al. (2023) wiesen diesen Mechanismus an Maus-Neuronen nach und zeigten, dass Linalool die Schmerzweiterleitung auf peripherer Ebene blockiert.[6] Tiermodelle deuten zusätzlich auf eine Interaktion mit peripheren Opioid- und Cannabinoid-Rezeptoren hin. Klinische Studien belegen eine schmerzlindernde Wirkung bei Migräne (74 % der Lavendelgruppe berichteten Symptomverbesserung vs. 58 % Placebo), bei postoperativen Schmerzen und bei Verbrennungen. Im Vergleich zu Pfefferminzöl (das primär über Menthol und TRPM8-Kanäle kühlt) wirkt Lavendelöl eher wärmend-entspannend und eignet sich besonders für spannungsbedingte Beschwerden und Kopfschmerzen.
Antibakterielle und antimikrobielle Wirkung
Lavendelöl hemmt das Wachstum zahlreicher pathogener Bakterien, darunter Staphylococcus aureus und MRSA – ein systematischer Review von Truong & Mudgil (2023) mit 23 Studien zeigte gemischte, aber insgesamt positive Ergebnisse, wobei die Kombination mit anderen antimikrobiellen Substanzen besonders synergistisch wirkte.[14] Der Wirkmechanismus beruht auf der Störung der Zellmembranintegrität: Linalool und Linalylacetat durchdringen die Lipiddoppelschicht gramnegativer und grampositiver Bakterien und verursachen einen Austritt von Zellinhalt. Die antimikrobielle Potenz hängt vom Chemotyp ab – Öle mit höherem Linalool-Anteil wirken stärker antibakteriell, Öle mit mehr Linalylacetat stärker antifungal. Im Vergleich zu Teebaumöl (Terpinen-4-ol als Leitsubstanz) ist Lavendelöl hautverträglicher, zeigt aber eine schwächere breitbandige antimikrobielle Potenz. Für eine Übersicht antibakterieller ätherischer Öle verweisen wir auf den zugehörigen Ratgeber.
Antifungale Wirkung
Lavendelöl hemmt das Wachstum klinisch relevanter Pilzarten wie Candida albicans, Aspergillus brasiliensis und verschiedener Dermatophyten – In-vitro-Studien zeigen fungistatische bis fungizide Effekte, wobei die Dampfphase wirksamer ist als der direkte Kontakt.[15] Die antifungale Wirkung wird hauptsächlich dem Linalylacetat zugeschrieben. Für Behandlungsprotokolle bei Hautpilz und Nagelpilz verweisen wir auf den Spezialartikel.
Entzündungshemmende Wirkung
Linalool und Lavendelöl unterdrücken die Produktion proinflammatorischer Zytokine wie IL-6 und TNF-α – Pandur et al. (2023) wiesen nach, dass Lavendelöl aus früh geernteten Blüten die LPS-induzierte Zytokinproduktion besonders stark reduziert.[16] Die entzündungshemmende Wirkung ätherischer Öle beruht bei Lavendelöl auf der Hemmung der NF-κB-Signalkaskade. Klinisch relevant ist dieser Effekt bei Hautreizungen, leichten Verbrennungen und entzündlichen Hauterkrankungen.
Krampflösende und vasorelaxierende Wirkung
Lavendelöl entspannt die glatte Muskulatur über die Aktivierung des Guanylatzyklase-Signalwegs und die Öffnung von Kaliumkanälen – Kang & Seol (2015) zeigten, dass Linalool an Maus-Aorten eine dosisabhängige Vasorelaxation auslöst.[17] Dieser spasmolytische Effekt erklärt die traditionelle Anwendung bei Menstruationskrämpfen, Verdauungsbeschwerden und spannungsbedingten Kopfschmerzen.
Wundheilungsfördernde Wirkung
Lavendelöl beschleunigt die Wundheilung durch eine Kombination aus antimikrobieller Wunddesinfektion, Förderung der Kollagensynthese und Reduktion der Entzündungsreaktion im Wundgebiet – Tiermodelle zeigen eine schnellere Epithelisierung und eine verbesserte Zugfestigkeit des Narbengewebes. Für Anwendungsprotokolle bei Juckreiz, Warzen und Wundheilung verweisen wir auf den Spezialartikel.
Insektenrepellente Wirkung
Linalool blockiert die Geruchsrezeptoren von Insekten und wirkt als natürliches Repellent gegen Stechmücken, Zecken und Motten – kontrollierte Feldstudien zeigen eine Schutzwirkung von 60–90 Minuten je nach Konzentration und Verdünnung. Für Anwendungsrezepte und einen Vergleich der Wirksamkeit gegen verschiedene Insektenarten verweisen wir auf den Übersichtsartikel Lavendelöl gegen Insekten.
Linalool und Linalylacetat: Pharmakokinetik und Bioverfügbarkeit
Linalool und Linalylacetat sind die beiden pharmakologisch bedeutsamsten Inhaltsstoffe von Lavendelöl – ihre Bioverfügbarkeit unterscheidet sich je nach Aufnahmeweg erheblich, und Linalylacetat fungiert im Körper als Prodrug, das zu Linalool hydrolysiert wird.[18]
Orale Aufnahme: Nach oraler Verabreichung von 100 mg Linalool erreicht die Serumkonzentration beim Menschen eine AUC (Fläche unter der Kurve) von 442 ± 243 h·ng/ml. Linalylacetat wird im sauren Magenmilieu und in der Leber rasch zu Linalool und α-Terpineol hydrolysiert – die Linalool-Exposition nach Linalylacetat-Gabe beträgt nur etwa ein Zehntel der direkten Linalool-Verabreichung (64,9 ± 78,0 vs. 442 ± 243 h·ng/ml).[18] Linalool erwies sich in humanen Lebermikrosomen als metabolisch instabil mit einer intrinsischen Clearance von 31,28 ml·min−1·kg−1.
Transdermale Aufnahme: Nach einer 10-minütigen Massage mit 2 % Lavendelöl in Erdnussöl sind Linalool und Linalylacetat nach 5 Minuten im Blutplasma nachweisbar. Die Spitzenkonzentrationen liegen bei etwa 100 ng/ml (Linalool) bzw. 121 ng/ml (Linalylacetat) nach 19 Minuten, mit einer Plasmahalbwertszeit von rund 14 Minuten für beide Substanzen.[10]
Inhalation: Über die Lunge gelangen die flüchtigen Terpene direkt in den Blutkreislauf. Gleichzeitig stimulieren sie olfaktorische Rezeptoren, was den einzigartigen dualen Wirkmechanismus (peripher + zentralnervös) der Inhalation erklärt.
Wechselwirkungspotenzial: Linalylacetat hemmt CYP3A4 in vitro (IC50 = 4,75 µg/ml), während Linalool keine relevante CYP-Enzym-Hemmung zeigt. Lavendelöl aktiviert weder den Pregnan-X-Rezeptor (PXR) noch den Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor (AhR), was auf ein geringes Potenzial für pharmakokinetische Arzneimittelinteraktionen hindeutet.[19] Für Details zur oralen Einnahme als Lavendelölkapseln verweisen wir auf den Spezialartikel.
Wirkt das vollständige Öl besser als isoliertes Linalool?
Das vollständige ätherische Lavendelöl wirkt in den meisten Untersuchungen stärker als isoliertes Linalool – eine Rattenstudie von Nöldner et al. (2011) zeigte, dass die Linalool-Spitzenplasmakonzentration bei Gabe des kompletten Öls mit 77 ng/ml fast doppelt so hoch war wie bei isolierter Linalool-Verabreichung (33 ng/ml), was auf eine verbesserte Bioverfügbarkeit durch die Begleitsubstanzen hindeutet.[19]
Dieser Synergie-Effekt – in der Phytotherapie als „Entourage-Effekt" bekannt – entsteht durch das Zusammenspiel der über 100 Inhaltsstoffe im ätherischen Öl. Linalylacetat dient als Linalool-Reservoir (Prodrug), Terpinen-4-ol und 1,8-Cineol tragen eigene antimikrobielle Eigenschaften bei, und Lavandulol verstärkt den beruhigenden Effekt. Die Summe dieser Interaktionen erklärt, warum standardisierte Gesamtextrakte wie Silexan in klinischen Studien verlässlichere Ergebnisse liefern als isolierte Einzelstoffe.
Evidenzlage: Was sagen Meta-Analysen und RCTs?
Die Forschungslage zu Lavendelöl umfasst mehrere Meta-Analysen, über 40 randomisierte kontrollierte Studien und hunderte In-vitro-Untersuchungen – die stärkste Evidenz liegt für die anxiolytische Wirkung vor, gefolgt von der schlaffördernden und der antibakteriellen Wirkung.
Meta-Analysen (höchste Evidenzstufe): Dold et al. (2023) analysierten fünf placebokontrollierte RCTs mit Silexan und bestätigten eine signifikante und klinisch relevante Angstreduktion.[1] Donelli et al. (2019) werteten Daten von 1.682 Teilnehmern zur Inhalationswirkung aus und fanden einen mittleren bis großen Effekt auf Angstsymptome.[13] Ein Netzwerk-Meta-Analyse von Dolzhenko et al. (2019) verglich verschiedene Darreichungsformen und stufte orale Gabe (Silexan 80 mg) als vorzugsweise Option für die Langzeitbehandlung von Angststörungen ein.[20]
Randomisierte kontrollierte Studien: Kasper et al. (2014) zeigten in einer großen RCT (n=539), dass Silexan bei generalisierter Angststörung dem Placebo signifikant überlegen und mindestens so wirksam wie Paroxetin 20 mg war.[12] Eine neuere RCT (2024, n=498) belegte zudem eine antidepressive Wirkung: Silexan war Placebo bei leichter bis mittelschwerer Depression überlegen und vergleichbar mit Sertralin 50 mg.[21]
In-vitro- vs. In-vivo-Evidenz: Bei der antibakteriellen, antifungalen und entzündungshemmenden Wirkung dominieren In-vitro-Studien. Diese Laborergebnisse sind vielversprechend, lassen sich aber nicht direkt auf den menschlichen Körper übertragen. Konzentrationen, die in Petrischalen Bakterien abtöten, werden im lebenden Organismus nicht immer erreicht. Die klinische Forschung zu diesen Wirkungen befindet sich noch in einem früheren Stadium als die Angstforschung.
Sicherheitshinweis: Lavendelöl gilt als eines der verträglichsten ätherischen Öle, kann jedoch Hautreizungen und allergische Reaktionen auslösen – insbesondere oxidiertes Öl. Tragen Sie Lavendelöl nie unverdünnt großflächig auf und führen Sie vor der ersten Anwendung einen Verträglichkeitstest durch. Ausführliche Informationen zu Nebenwirkungen, Kontraindikationen und Dosierung finden Sie im Sicherheitsratgeber zu Lavendelöl.
Häufige Fragen
Was bewirkt Lavendelöl im Gehirn?
Lavendelöl beeinflusst das Gehirn über zwei Hauptmechanismen: Der Inhaltsstoff Linalool verstärkt die Wirkung des hemmenden Neurotransmitters GABA an GABAA-Rezeptoren, was angstlösend und beruhigend wirkt. Gleichzeitig hemmt Lavendelöl spannungsabhängige Calciumkanäle und beeinflusst den Serotonin-Transporter, was die stimmungsaufhellende und antidepressive Wirkung erklärt. Beim Einatmen gelangen die Duftmoleküle über den Riechkolben direkt an die Amygdala und das limbische System – die emotionalen Steuerzentralen des Gehirns.
Ist die Wirkung von Lavendelöl wissenschaftlich belegt?
Die angstlösende und schlaffördernde Wirkung von Lavendelöl ist durch mehrere Meta-Analysen und randomisierte kontrollierte Studien mit über 1.200 Teilnehmern belegt. Oral verabreichtes Lavendelöl (Silexan, 80 mg/Tag) zeigte in klinischen Studien eine vergleichbare Wirksamkeit wie das Anxiolytikum Lorazepam und das Antidepressivum Paroxetin (20 mg). Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat Lavendelöl als pflanzliches Arzneimittel anerkannt.
Wie schnell wirkt Lavendelöl?
Die Wirkgeschwindigkeit hängt vom Aufnahmeweg ab. Über die Nase (Inhalation) erreichen die Duftmoleküle das limbische System innerhalb von Millisekunden – eine beruhigende Wirkung kann bereits nach wenigen Atemzügen einsetzen. Über die Haut (Massage, Bad) sind Linalool und Linalylacetat nach 5 Minuten im Blut nachweisbar, mit einer Spitzenkonzentration nach 19–30 Minuten. Bei oraler Einnahme (Kapseln) dauert der Wirkungseintritt 30–60 Minuten, die volle anxiolytische Wirkung entfaltet sich über mehrere Wochen täglicher Einnahme.
Wirkt Lavandin genauso wie Echter Lavendel?
Nein, Lavandin (Lavandula x intermedia) unterscheidet sich pharmakologisch vom Echten Lavendel (Lavandula angustifolia). Lavandin enthält 6–8 % Campher (Echter Lavendel unter 1 %), weniger Linalylacetat und wirkt daher stimulierender statt sedierend. Alle klinischen Angststudien und die EMA-Zulassung beziehen sich ausschließlich auf Lavandula angustifolia. Einen detaillierten Sortenvergleich finden Sie im umfassenden Lavendelöl-Ratgeber.
Wirkt Lavendelöl auch antibakteriell?
Lavendelöl zeigt in Laborstudien (in vitro) eine nachweisbare antibakterielle Wirkung gegen verschiedene Erreger, darunter Staphylococcus aureus, Escherichia coli und MRSA. Ein systematischer Review von 2023 mit 23 Studien fand gemischte Ergebnisse: Die Wirksamkeit variiert je nach Lavendelart und Testmethode. Besonders in Kombination mit anderen antimikrobiellen Substanzen zeigt Lavendelöl synergistische Effekte. Die antibakterielle Potenz ist allerdings schwächer als bei Teebaumöl oder Oreganoöl.
Quellen
- Dold, M., Bartova, L., Volz, H. P., Seifritz, E., Möller, H. J., Schläfke, S., & Kasper, S. (2023). Efficacy of Silexan in patients with anxiety disorders: a meta-analysis of randomized, placebo-controlled trials. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 273(7), 1615–1628. doi:10.1007/s00406-022-01547-w
- Kasper, S., Müller, W. E., Volz, H. P., Möller, H. J., & Dienel, A. (2024). Silexan in anxiety, depression, and related disorders: pharmacological background and clinical data. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience. doi:10.1007/s00406-024-01904-x
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