Johanniskraut (Hypericum perforatum) zählt zu den ältesten Heilpflanzen der Menschheitsgeschichte. Bereits Hippokrates beschrieb seine Anwendung bei Ischias, Entzündungen und eitrigen Wunden.[1] Seit mehr als 2.000 Jahren kommt die Pflanze zur Linderung und Heilung unterschiedlichster gesundheitlicher Beschwerden zum Einsatz. Das daraus gewonnene Johanniskrautöl – in der Fachwelt als Hyperici oleum bezeichnet – ist auch heute noch sowohl in der Kosmetik als auch im Gesundheitswesen von großer Bedeutung.
Johanniskrautöl wird darüber hinaus als Johannisöl und als Rotöl bezeichnet. Die charakteristische rote Farbe entsteht durch den Pflanzenfarbstoff Hypericin, der sich beim Mazerieren in einem Trägeröl löst. Für die Herstellung werden sowohl die frischen Blüten des Echten Johanniskrauts als auch die Knospen und Blätter verarbeitet. Ein besonderer Vorteil: Johanniskrautöl kann sowohl innerlich als auch äußerlich angewendet werden, was sein breites Anwendungsspektrum erklärt.[2]
Gewinnung von Johanniskrautöl
Johanniskrautöl wird traditionell durch Mazeration (Kaltauszug) hergestellt: Die frischen Blüten und Knospen des Echten Johanniskrauts werden in einem hochwertigen Pflanzenöl – meist Olivenöl oder Sonnenblumenöl – über mehrere Wochen eingelegt. Durch diesen schonenden Prozess lösen sich die wertvollen Inhaltsstoffe wie Hypericin und Hyperforin im Öl, das sich dabei charakteristisch rot färbt.[3]
Daneben lässt sich aus den Pflanzenteilen auch ein ätherisches Öl per Wasserdampfdestillation gewinnen. Dabei werden die Blüten, Knospen und Blätter über einem Kessel mit siedendem Wasser drapiert. Der aufsteigende Wasserdampf durchdringt die Pflanzenteile, wobei die Hitze die flüchtigen Inhaltsstoffe löst. Der Dampf transportiert diese Stoffe in eine kuppelartige Vorrichtung, wo er kondensiert. Das entstehende Kondensat (Hydrolat) enthält noch Wassermoleküle – das reine ätherische Öl wird im zweiten Schritt durch Abschöpfung gewonnen. Dieses ätherische Johanniskrautöl unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung deutlich vom Mazerat und enthält vor allem Monoterpene wie α-Pinen und Sesquiterpene wie β-Caryophyllen.[4]
Für die meisten therapeutischen und kosmetischen Anwendungen wird das Mazerat (Rotöl) bevorzugt, da es die pharmakologisch bedeutsamen Wirkstoffe Hypericin und Hyperforin in höherer Konzentration enthält als das ätherische Öl.
Johanniskrautöl Inhaltsstoffe
Die Wirksamkeit von Johanniskrautöl beruht auf einem komplexen Zusammenspiel bioaktiver Substanzen. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen zählen:[2][5]
Hyperforin ist ein Phloroglucinderivat und gilt als einer der pharmakologisch bedeutsamsten Wirkstoffe im Johanniskraut. Hyperforin aktiviert den TRPC6-Kanal, was unter anderem die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin hemmt – ein Mechanismus, der die stimmungsaufhellende Wirkung erklärt.[6] Darüber hinaus wirkt Hyperforin entzündungshemmend, antibakteriell und fördert die Differenzierung von Hautzellen (Keratinozyten).[2]
Hypericin und Pseudohypericin gehören zur Gruppe der Naphthodianthrone und verleihen dem Öl seine typische rote Farbe. Hypericin besitzt antivirale, antioxidative und photodynamische Eigenschaften.[5]
Flavonoide wie Quercetin, Rutosid und Biapigenin wirken entzündungshemmend und antioxidativ. Im Magen-Darm-Bereich hemmen sie die Entwicklung von Entzündungen und unterstützen die Heilung der Schleimhaut.[6]
Gerbstoffe (insbesondere Catechin) zeichnen sich durch ihre adstringierende und schmerzstillende Wirkung aus. Sie unterstützen die Wundheilung und wirken zusammenziehend auf die Haut.
Ergänzt werden diese Hauptwirkstoffe durch Xanthone, ätherische Öle, Bitterstoffe und Cholin. Das Zusammenspiel dieser Substanzen – auch als Entourage-Effekt bekannt – trägt dazu bei, dass Johanniskrautöl in so vielen Bereichen Anwendung findet.
Wirkung von Johanniskrautöl
Johanniskrautöl zeichnet sich durch ein breites pharmakologisches Wirkspektrum aus, das durch zahlreiche Studien belegt ist:[2][7]
Entzündungshemmend: Hyperforin hemmt verschiedene Entzündungsmediatoren und reduziert die Aktivität proinflammatorischer Enzyme. Klinische Untersuchungen der Universität Freiburg zeigten, dass eine hyperforinhaltige Creme bei atopischer Dermatitis signifikant wirksamer war als das Placebo.[8]
Wundheilungsfördernd: Hyperforin stimuliert das Wachstum und die Differenzierung von Keratinozyten über die Aktivierung des TRPC6-Kanals. Tierexperimentelle Studien belegen eine beschleunigte Wundheilung bei Exzisions- und Inzisionswunden.[2]
Antibakteriell: Johanniskrautöl zeigt Wirksamkeit gegen verschiedene Bakterienstämme, darunter Staphylococcus aureus – ein Keim, der bei Hautinfektionen häufig eine Rolle spielt.[9]
Schmerzlindernd: Ätherische Öle und Gerbstoffe wirken bei äußeren Verletzungen kühlend und schmerzlindernd. Innerlich angewendet entfalten sie eine beruhigende Wirkung auf den gesamten Organismus.[6]
Stimmungsaufhellend: Die Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin durch Hyperforin ist für die antidepressive Wirkung verantwortlich. Hochdosierte Johanniskraut-Präparate mit nachgewiesener Wirksamkeit bei leichten bis mittelschweren Depressionen sind in Deutschland verschreibungspflichtig.[6]
Hinweis: Johanniskraut-Produkte mit besonders hohem Wirkstoffanteil unterliegen der Verschreibungspflicht. Die Gründe dafür liegen in den möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (siehe Abschnitt Nebenwirkungen).
Anwendungsgebiete von Johanniskrautöl
Johanniskrautöl bzw. Rotöl kann sowohl innerlich als auch äußerlich angewendet werden. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) stuft die topische Anwendung bei kleinen Wunden und leichten Verbrennungen als traditionelle Anwendung ein.[2] Im Folgenden die wichtigsten Anwendungsgebiete:
Johanniskrautöl für die Haut
Die hautpflegende Wirkung von Johanniskrautöl ist bemerkenswert und wissenschaftlich gut dokumentiert. Hyperforin fördert die Differenzierung von Keratinozyten und unterstützt den Aufbau der epidermalen Barriere.[2] Wer sich ein feines, ebenmäßiges Hautbild wünscht, kann das Öl etwa zwei Mal wöchentlich dünn auf die Haut im Gesicht sowie auf Hals und Dekolleté auftragen.
Die tägliche Anwendung über längere Zeiträume ist aufgrund der photosensibilisierenden Eigenschaften von Hypericin nicht empfehlenswert. Bei einem Haut-Typ, der empfindlich auf Sonnenlicht reagiert, sollte nach dem Auftragen direkte Sonneneinstrahlung gemieden werden.
Johanniskrautöl bei Narben
Die Narbenpflege ist eines der beliebtesten Anwendungsgebiete für Johanniskrautöl. Die Kombination aus entzündungshemmenden, wundheilungsfördernden und hautregenerierenden Eigenschaften macht das Rotöl zu einem natürlichen Mittel für die Narbenpflege. Hyperforin stimuliert die Neubildung von Hautzellen und kann so dazu beitragen, dass Narbengewebe weicher und geschmeidiger wird. Zur Narbenpflege wird das Öl zwei- bis dreimal täglich dünn auf die verheilte (nicht offene) Narbe aufgetragen und sanft einmassiert. Erste Ergebnisse zeigen sich erfahrungsgemäß nach mehreren Wochen regelmäßiger Anwendung. Das Öl eignet sich für verschiedene Narbenarten, darunter Operationsnarben, Kaiserschnittnarben und Aknenarben.
Johanniskrautöl bei Neurodermitis
Die schmerzhafte und mit lästigem Juckreiz verbundene Hauterkrankung Neurodermitis (atopische Dermatitis) ist mit Entzündungen und nässenden Ekzemen verbunden. Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie an der Universität Freiburg zeigte, dass eine Creme mit Hypericum-Extrakt (standardisiert auf 1,5 % Hyperforin) bei 21 Patienten mit leichter bis mittelschwerer Neurodermitis an allen Kontrollzeitpunkten signifikant besser wirkte als das Placebo.[8] Die Besiedlung der Haut mit Staphylococcus aureus wurde ebenfalls reduziert. Johanniskrautöl kann unterstützend bei Neurodermitis-Schüben angewendet werden – die Rücksprache mit dem Hautarzt ist dennoch empfehlenswert.
Johanniskrautöl gegen Pickel und Akne
Pickel und Akne sind häufig eine Folge entzündeter Poren in der Haut. Die Gerb- und Bitterstoffe im Rotöl wirken entzündungshemmend, sodass eitrige Entzündungen in den betroffenen Hautpartien zurückgehen können. Außerdem wirkt Rotöl adstringierend: Dieser porenverfeinernde Effekt verbessert das Hautbild insgesamt, da sich in feinen Poren weniger Keime und Bakterien ansiedeln können. Die antibakterielle Wirkung von Hyperforin unterstützt diesen Effekt zusätzlich.[9] Bei ausgeprägter Akne sollte die Anwendung allerdings mit einem Dermatologen abgesprochen werden, da Johanniskrautöl auf komedogener Haut nicht immer optimal geeignet ist.
Johanniskrautöl in der Schwangerschaft
Äußerlich angewendet kommt Johanniskrautöl in der Schwangerschaft häufig zur Dammmassage ab der 34. Schwangerschaftswoche zum Einsatz. Das Öl macht das Gewebe geschmeidiger und kann so dazu beitragen, das Risiko eines Dammrisses während der Geburt zu verringern. Auch nach einer Geburt wird Johanniskrautöl traditionell zur Pflege eines Dammschnitts verwendet – die entzündungshemmende und hautberuhigende Wirkung unterstützt den Heilungsprozess.
Die innerliche Einnahme von Johanniskraut-Präparaten während der Schwangerschaft sollte hingegen nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen, da mögliche Auswirkungen auf das Kind nicht ausreichend untersucht sind.
Johanniskrautöl beim Stillen
Ist die empfindliche Haut im Bereich der Brustwarzen durch das Saugen des Babys gereizt oder gar entzündet, kann Johanniskrautöl dünn aufgetragen werden. Die entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung setzt erfahrungsgemäß recht schnell ein. Wichtig: Bevor das Baby erneut angelegt wird, sollten die Brüste gründlich mit einem feuchten Tuch gereinigt und vollständig vom Öl befreit werden, um eine Aufnahme durch das Kind zu vermeiden.
Johanniskrautöl im Intimbereich
Johanniskrautöl wird in der Naturheilkunde bei Scheidentrockenheit und gereizter Schleimhaut im Intimbereich eingesetzt. Die rückfettenden und entzündungshemmenden Eigenschaften des Öls können die empfindliche Haut beruhigen und die Regeneration unterstützen. Zur Anwendung wird eine kleine Menge des Öls äußerlich auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Bei anhaltenden Beschwerden oder Verdacht auf eine Infektion sollte in jedem Fall ein Arzt konsultiert werden. Alternativ kann bei Scheidentrockenheit auch Leinöl unterstützend wirken.
Johanniskrautöl zur Massage
Als Massageöl entfaltet Johanniskrautöl eine durchblutungsfördernde und krampflösende Wirkung. Die Inhaltsstoffe dringen bei der Massage gut in die Haut ein und können Verspannungen lösen. Besonders bewährt hat sich die Anwendung nach dem Sport, nach langen Wanderungen oder einem anstrengenden Arbeitstag. In der Breuss-Massage, einer sanften Rückenmassage, wird Johanniskrautöl traditionell als Hauptöl verwendet, da ihm eine regenerierende Wirkung auf die Bandscheiben zugeschrieben wird.
Johanniskrautöl bei Gelenk- und Nervenschmerzen
Bei Muskelschmerzen, Gelenkbeschwerden und Neuralgien (Nervenschmerzen) wird Johanniskrautöl äußerlich aufgetragen und sanft einmassiert. Die schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung des Hyperforins kann bei Arthrose, Rückenschmerzen und Verspannungen Erleichterung verschaffen. Auch bei Ischiasbeschwerden und Trigeminusneuralgie berichten Anwender über positive Erfahrungen. Bei Prellungen und Blutergüssen kann das Auftragen von Johanniskrautöl ebenfalls wohltuend sein.
Johanniskrautöl bei Magen-Darmbeschwerden
Innerlich eingenommen wirkt Johanniskrautöl entkrampfend auf den gesamten Magen-Darm-Trakt. Die Flavonoide im Öl hemmen Entzündungen der Darmschleimhaut, während die Bitterstoffe die Verdauung anregen.[6] Bei Sodbrennen, Völlegefühl, Blähungen und Reizmagen kann die Einnahme von etwas Rotöl unterstützend wirken. Auch bei Übelkeit und Magenschmerzen berichten Anwender von einer beruhigenden Wirkung.
Johanniskrautöl bei depressiven Verstimmungen
Die stimmungsaufhellende Wirkung von Johanniskraut gehört zu den am besten erforschten Anwendungsgebieten in der Phytotherapie. Hyperforin hemmt die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, GABA und Glutamat durch die Aktivierung von TRPC6-Kanälen.[6] Deutsche klinische Forschung hat gezeigt, dass standardisierte Johanniskraut-Extrakte bei leichten bis mittelschweren Depressionen eine mit trizyklischen Antidepressiva vergleichbare Wirkung erzielen können.[1] Wichtig: Bei mittelschweren bis schweren Depressionen ist die Behandlung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten unerlässlich. Johanniskrautöl in seiner reinen Ölform enthält niedrigere Wirkstoffkonzentrationen als standardisierte Extrakte und eignet sich daher eher begleitend bei leichten Verstimmungen und innerer Unruhe. Damit ist Johanniskrautöl auch in den Wechseljahren für viele Frauen ein hilfreicher Begleiter.
Johanniskrautöl für einen gesunden Schlaf
Wird Johanniskrautöl regelmäßig vor der Bettruhe eingenommen, kann dies die Schlafqualität verbessern. Die stimmungsaufhellende und beruhigende Wirkung des Hyperforins hilft, innere Unruhe abzubauen und das Einschlafen zu erleichtern. Auch eine abendliche Massage mit Johanniskrautöl – beispielsweise an den Schläfen oder im Nackenbereich – kann entspannend wirken und das Einschlafen fördern. Ergänzend kann Lavendelöl für die Duftlampe verwendet werden, um eine beruhigende Atmosphäre zu schaffen.
Johanniskrautöl bei Sonnenbrand
Über viele Jahre hielt sich das Gerücht, dass Johanniskrautöl eine besonders hohe Lichtempfindlichkeit auslösen könne. Eine Studie von Schempp et al. ergab jedoch, dass bei topischer Anwendung von Johanniskrautöl und -salbe keine klinisch relevante Phototoxizität (messbar durch den visuellen Erythemwert) nachgewiesen werden konnte.[10] Nur bei sehr hellhäutigen Personen oder bei lang andauernder, hochdosierter innerlicher Anwendung ist eine erhöhte Lichtempfindlichkeit möglich.[5]
Bei Sonnenbrand kann Johanniskrautöl sogar lindernd wirken: Die entzündungshemmende, beruhigende und rückfettende Wirkung pflegt die strapazierte Haut und unterstützt deren Regeneration.
Johanniskrautöl für Hunde
Gestresste oder unruhige Hunde können von Johanniskrautöl profitieren. Äußerlich aufgetragen kann es bei Hautreizungen, kleinen Wunden und Ekzemen die Heilung unterstützen. Innerlich – in sehr geringer Dosierung dem Futter beigemischt – kann es bei nervösen Hunden beruhigend wirken. Zu beachten ist, dass die volle Wirkung erst nach einigen Tagen regelmäßiger Anwendung einsetzt. Die Dosierung sollte mit einem Tierarzt abgestimmt werden.
Johanniskrautöl für die Haare
Die durchblutungsfördernde Wirkung von Johanniskrautöl macht es zu einem interessanten Mittel für die Haarpflege. In die Kopfhaut einmassiert, kann es die Durchblutung der Haarfollikel anregen und so das Haarwachstum unterstützen. Bei trockener, juckender oder schuppiger Kopfhaut können die entzündungshemmenden Eigenschaften des Öls Linderung verschaffen. Eine Kur mit Johanniskrautöl eignet sich als Haarkur: Das Öl wird auf die Kopfhaut aufgetragen, sanft einmassiert und nach etwa 30 Minuten Einwirkzeit mit einem milden Shampoo ausgewaschen.
Weitere Anwendungsmöglichkeiten
Zur Narben- und Wundheilung: Äußerlich angewendet wirkt das Öl entzündungshemmend und es bekämpft Keime und Bakterien, die sich auf der Haut befinden. Die wundheilungsfördernde Wirkung des Hyperforins beschleunigt die Regeneration der Haut.[2]
Bei Verbrennungen und Verbrühungen: Johanniskrautöl wird in der Volksmedizin seit Jahrhunderten bei leichten Verbrennungen eingesetzt. Berichte deuten darauf hin, dass Verbrennungen ersten Grades innerhalb von 48 Stunden abklingen können, wenn sie zeitnah behandelt werden.[2] Bei schweren Verbrennungen ist selbstverständlich ärztliche Hilfe erforderlich.
Bei Babys: Johanniskrautöl kann bei Babys äußerlich bei wundem Po, leichten Hautirritationen oder beim Zahnen (äußerlich auf die Wange aufgetragen) angewendet werden. Die sanfte, entzündungshemmende Wirkung pflegt die empfindliche Babyhaut. Bei der Anwendung im Bereich des Mundes ist besondere Vorsicht geboten, und die Verwendung sollte mit dem Kinderarzt besprochen werden.
Wechselwirkungen von Johanniskrautöl und der Pille
Die Wechselwirkungen von Johanniskraut mit anderen Medikamenten sind pharmakologisch gut belegt. Hyperforin, der Hauptwirkstoff, bindet an den Pregnan-X-Rezeptor (PXR) und induziert dadurch das Enzym CYP3A4 sowie den Transporter P-Glykoprotein in der Leber.[11] Dies beschleunigt den Abbau zahlreicher Arzneistoffe im Körper, darunter:[6]
Orale Kontrazeptiva (Anti-Baby-Pille), Immunsuppressiva wie Ciclosporin und Tacrolimus, HIV-Medikamente, Antikoagulanzien vom Cumarintyp, bestimmte Zytostatika (Krebsmedikamente), Digoxin sowie verschiedene Statine (Cholesterinsenker).
Eine amerikanische Studie zeigte, dass Johanniskraut den Metabolismus von Ethinylestradiol und Norethisteron steigert, was zu Durchbruchblutungen führen und die kontrazeptive Wirkung beeinflussen kann.[12] Frauen, die neben der Pille Johanniskraut-Präparate einnehmen, sollten daher eine zusätzliche Verhütungsmethode anwenden.
Wichtig: Diese Wechselwirkungen betreffen vor allem hyperforinreiche Extrakte bei innerlicher Einnahme. Studien zeigen, dass hyperforinarme Extrakte (maximal 1 mg Hyperforin pro Tagesdosis) keine klinisch relevanten Interaktionen über CYP450 und P-Glykoprotein verursachen.[13] Auch die äußerliche Anwendung von Johanniskrautöl ist in Bezug auf systemische Wechselwirkungen als weniger kritisch einzustufen. Dennoch sollte bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme stets Rücksprache mit dem Arzt gehalten werden.
Johanniskrautöl selber machen
Johanniskrautöl lässt sich problemlos zu Hause herstellen. Die traditionelle Methode der Mazeration ergibt ein hochwertiges Rotöl. Folgende Utensilien werden benötigt:
- Frische Blüten und Knospen des Echten Johanniskrauts (ca. 100 Gramm) – idealerweise gesammelt, wenn die Blüten vollständig geöffnet sind (um den Johannistag am 24. Juni)
- 500 ml hochwertiges Olivenöl in Bio-Qualität (alternativ: Sonnenblumenöl oder Mandelöl)
- Ein helles Schraubglas mit Deckel
- Ein dunkles Apothekerglas (Braunglas) mit Deckel
- Eine scharfe Schere
- Ein feines Sieb oder Mulltuch
- Ein Trichter
Die Wahl des Trägeröls: Olivenöl ist der Klassiker für Johanniskrautöl und bietet eine lange Haltbarkeit sowie wertvolle Fettsäuren. Wer den Eigengeschmack von Olivenöl nicht mag, kann auf ein geschmacksneutrales Sonnenblumenöl oder auf Mandelöl zurückgreifen. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Wahl des Trägeröls Einfluss auf die Stabilität und den Hypericin-Gehalt des Endprodukts hat.[3]
Vorbereitung: Reinigen Sie das Schraubglas und den Deckel gründlich mit heißem Wasser und Spülmittel. Anschließend mit kochendem Wasser sterilisieren und sorgfältig trocknen.
Zubereitung Schritt für Schritt: Spülen Sie das Johanniskraut vorsichtig unter kaltem Wasser ab, um Schmutz und Insekten zu entfernen. Schneiden Sie die Blüten, Knospen und oberen Blätter vom Stiel ab. Füllen Sie die Pflanzenteile locker in das vorbereitete Glas – nicht fest andrücken. Gießen Sie das Olivenöl darüber, bis alle Pflanzenteile vollständig bedeckt sind. Verschließen Sie das Glas fest und stellen Sie es an einen warmen, hellen Ort – traditionell in die Sonne. Die Sonneneinstrahlung unterstützt die Extraktion der Wirkstoffe und die charakteristische Rotfärbung des Öls.
Lassen Sie das Öl vier bis sechs Wochen ziehen. Schütteln Sie das Glas dabei täglich ein- bis zweimal kräftig durch, damit sich die Inhaltsstoffe besser lösen. Nach der Reifezeit seihen Sie das mittlerweile tiefrote Öl durch ein feines Sieb oder Mulltuch ab. Drücken Sie die Kräuterreste sanft aus, um möglichst viel Öl zu gewinnen. Füllen Sie das fertige Rotöl mit einem Trichter in das dunkle Apothekerglas und beschriften Sie es mit Inhalt und Datum. Lagern Sie es kühl und dunkel.
Tipp: Die mit Ölresten versehenen Kräuterrückstände müssen Sie nicht entsorgen. Reiben Sie Ihre Hände vor dem Schlafengehen mit der Kraut-Öl-Mischung ein und ziehen Sie Baumwollhandschuhe darüber – am nächsten Morgen ist die Haut wunderbar weich. Die Reste eignen sich auch als Basis für Wickel und Umschläge bei schmerzenden Gelenken oder Muskeln.
Lagerung und Haltbarkeit von Johanniskrautöl
Johanniskrautöl sollte in einer dunklen Braunglas-Flasche bei Temperaturen von maximal 21 °C aufbewahrt werden. UV-Strahlung kann die Qualität der Inhaltsstoffe – insbesondere des lichtempfindlichen Hypericins – erheblich beeinträchtigen.[3] Temperaturschwankungen und häufiges Umlagern sollten vermieden werden. Plastikbehälter sind nicht geeignet, da sich Weichmacher und Geruchsstoffe auf das Öl übertragen können. Achten Sie darauf, die Flasche nach jedem Gebrauch fest zu verschließen, da sich ätherische Bestandteile leicht verflüchtigen. Selbst hergestelltes Johanniskrautöl ist bei sachgemäßer Lagerung etwa ein bis zwei Jahre haltbar. Kommerzielle Produkte tragen ein Mindesthaltbarkeitsdatum, an dem Sie sich orientieren sollten.
Dosierung und Einnahme von Johanniskrautöl
Die Dosierung richtet sich nach der Anwendungsart und dem jeweiligen Beschwerden:
Innerliche Anwendung: Bei der Einnahme als Mazerat (Rotöl) werden üblicherweise zwei bis drei Esslöffel pro Tag empfohlen, verteilt über den Tag zu den Mahlzeiten. Bei standardisierten Johanniskraut-Extrakten in Kapseln oder Tabletten gelten die Herstellerangaben – übliche Tagesdosen liegen zwischen 300 und 900 mg Extrakt (entsprechend etwa 0,5–2,7 mg Hypericin). Der Wirkeffekt tritt nicht sofort ein: Erfahrungswerte zeigen, dass es je nach Beschwerde etwa zwei bis vier Wochen dauern kann, bis sich die volle Wirkung entfaltet.[6]
Äußerliche Anwendung: Zur Hautpflege und Behandlung von Wunden, Narben oder Hautirritationen werden die betroffenen Stellen zwei- bis dreimal täglich mit einer dünnen Schicht Johanniskrautöl bestrichen und sanft einmassiert.
Wichtig: Bei einer hochdosierten innerlichen Daueranwendung (über 2.000 mg Extrakt täglich) kann sich eine erhöhte Lichtempfindlichkeit einstellen. Eine ärztliche Begleitung ist bei hochdosierten Präparaten grundsätzlich empfehlenswert.
Nebenwirkungen von Johanniskrautöl
Johanniskrautöl gilt bei sachgemäßer Anwendung als gut verträglich. Die Cosmetic Ingredient Review (CIR) bewertet die topische Anwendung als sicher.[14] Dennoch können bei hochdosierter innerlicher Einnahme folgende Nebenwirkungen auftreten:[6][14]
Photosensibilisierung: Der Inhaltsstoff Hypericin ist ein Photosensibilisator. Bei langfristiger, hochdosierter Einnahme kann die Empfindlichkeit der Haut gegenüber UV-Strahlung zunehmen. Bei topischer Anwendung in üblichen Mengen ist dieses Risiko nach aktueller Studienlage gering.[10]
Arzneimittelwechselwirkungen: Die CYP3A4-Induktion durch Hyperforin ist die klinisch bedeutsamste Nebenwirkung (siehe Abschnitt Wechselwirkungen). Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat umfangreiche Warnhinweise hierzu herausgegeben.[11]
Allergische Reaktionen: In seltenen Fällen können Hautschwellungen, Juckreiz oder Rötungen auftreten. Bei bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Johanniskraut sollte auf die Anwendung verzichtet werden.
Magen-Darm-Beschwerden: Bei empfindlichen Personen können gelegentlich leichte Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit oder Unruhe auftreten.
Die gleichzeitige Anwendung von Johanniskraut und serotonergen Medikamenten (z. B. SSRI) kann in seltenen Fällen zu einem Serotoninsyndrom führen und sollte ärztlich überwacht werden.[6]
Johanniskrautöl kaufen – Worauf sollte geachtet werden?
Beim Kauf von Johanniskrautöl spielen mehrere Qualitätskriterien eine Rolle:
Herstellungsmethode: Hochwertiges Johanniskrautöl wird durch Mazeration (Kaltauszug) in einem Trägeröl hergestellt. Achten Sie auf Produkte, die als „Mazerat" oder „Ölauszug" deklariert sind. Die Farbe sollte intensiv rot sein – ein Indikator für einen hohen Gehalt an Hypericin.
Trägeröl: Bio-Olivenöl oder Bio-Sonnenblumenöl sind gängige Basisöle. Das Trägeröl sollte kaltgepresst und in Bio-Qualität vorliegen.
Wirkstoffgehalt: Wer Johanniskrautöl zur innerlichen Anwendung bei depressiven Verstimmungen nutzen möchte, sollte auf standardisierte Extrakte in Kapselform zurückgreifen. Übliche Tagesdosen von Johanniskraut-Extrakten liegen bei 600–900 mg, verteilt auf zwei bis drei Einnahmen. Bei vielen frei verkäuflichen Produkten ist die Dosierung deutlich niedriger. Die Beratung in der Apotheke ist empfehlenswert.
Bio-Zertifizierung: Bio-zertifiziertes Johanniskrautöl garantiert den Verzicht auf chemische Pestizide und Düngemittel beim Anbau des Johanniskrauts.
Bezugsquellen: Johanniskrautöl ist in Apotheken, Drogerien (dm, Rossmann, Müller), Reformhäusern und im Online-Handel erhältlich. Bekannte Marken sind unter anderem Primavera, Weleda, Wala und Bergland. Apotheken bieten häufig eine individuelle Beratung und führen qualitativ hochwertige Produkte mit transparenter Deklaration.
Johanniskrautöl Verkaufsformen
Johanniskrautöl (Mazerat/Rotöl)
Die im Handel erhältlichen Johanniskrautöle unterscheiden sich je nach Anbieter in Qualität und Wirkstoffgehalt. Der Vorteil von Johanniskrautöl in seiner natürlichen Öl-Form ist die vielseitige Anwendbarkeit: Es eignet sich sowohl für die äußerliche Hautpflege als auch für die innerliche Einnahme. Das Öl wird in verschiedenen Gebindegrößen von 50 ml bis 1.000 ml angeboten. Für die äußerliche Anwendung reichen meist kleinere Flaschen; wer regelmäßig damit massiert, greift besser zu größeren Mengen.
Johanniskrautöl-Kapseln
Johanniskrautöl-Kapseln sind eine praktische Alternative für alle, die den leicht bitteren Geschmack des reinen Öls meiden möchten. Das Öl oder der standardisierte Extrakt ist in Kapselform hochdosiert erhältlich. Üblich ist die Einnahme von ein bis drei Kapseln täglich, je nach Dosierung und Herstellerempfehlung. Bei der Kapselwahl sollte auf die Zusammensetzung der Hülle geachtet werden – manche Kapseln enthalten Gelatine, vegane Alternativen sind ebenfalls erhältlich. Während das klassische Johanniskrautöl sowohl innerlich als auch äußerlich eingesetzt werden kann, sind Kapseln ausschließlich zur oralen Einnahme bestimmt.
Darüber hinaus ist Johanniskraut als Tee, Tinktur, Frischsaft, in Tablettenform sowie als Salbe, Creme und Gel erhältlich. Das breite Angebot ermöglicht eine individuelle Auswahl je nach Anwendungsziel und persönlicher Vorliebe.
Quellen
- Tschupp, C. (2004). Johanniskraut: Hypericum perforatum L. vom Hexenkraut zum modernen Arzneimittel. Schweizerische Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Vol. 26. Rezension in: Med Hist. 2007;51(2):273–274. PMC1871697
- Wölfle, U., Seelinger, G., & Schempp, C. M. (2014). Topical Application of St. John's Wort (Hypericum perforatum). Planta Medica, 80(2–3), 109–120. doi:10.1055/s-0033-1351019
- Heinrich, M. et al. (2017). Characterization of Hypericum perforatum L. (St. John's wort) macerates prepared with different fatty oils upon processing and storage. Phytochemistry Letters, 20, 470–480.
- Crockett, S. L., & Robson, N. K. B. (2011). Taxonomy and Chemotaxonomy of the Genus Hypericum. Medicinal and Aromatic Plant Science and Biotechnology, 5(Special Issue 1), 1–13. Vgl. auch: PMC2975376
- Schempp, C. M., Müller, K. A., Winghofer, B., Schöpf, E., & Simon, J. C. (2002). Johanniskraut (Hypericum perforatum L.) – Eine Pflanze mit Relevanz für die Dermatologie. Der Hautarzt, 53(5), 316–321. doi:10.1007/s00105-001-0317-5
- DocCheck Flexikon (2025). Johanniskraut – Pharmakologie und Wirkmechanismen. Abgerufen von: flexikon.doccheck.com/de/Johanniskraut. Vgl. auch: PharmaWiki – Johanniskraut (pharmawiki.ch)
- Birt, D. F. et al. (2009). Hypericum in infection: Identification of anti-viral and anti-inflammatory constituents. Pharmaceutical Biology, 47(8), 774–782.
- Schempp, C. M., Windeck, T., Hezel, S., & Simon, J. C. (2003). Topical treatment of atopic dermatitis with St. John's wort cream – a randomized, placebo controlled, double blind half-side comparison. Phytomedicine, 10(Suppl IV), 31–37. PMID: 12807340
- Lyles, J. T. et al. (2017). The Chemical and Antibacterial Evaluation of St. John's Wort Oil Macerates Used in Kosovar Traditional Medicine. Frontiers in Microbiology, 8, 1639. doi:10.3389/fmicb.2017.01639
- Schempp, C. M., Lüdtke, R., Winghofer, B., & Simon, J. C. (2000). Effect of topical application of Hypericum perforatum extract on skin sensitivity to solar simulated radiation. Photodermatology, Photoimmunology & Photomedicine, 16(3), 125–128. PMID: 10885442
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Bekanntmachung zu Johanniskraut-haltigen Humanarzneimitteln. bfarm.de
- Hall, S. D. et al. (2003). The interaction between St John's wort and an oral contraceptive. Clinical Pharmacology & Therapeutics, 74(6), 525–535.
- Zahner, C. et al. (2019). No Clinically Relevant Interactions of St. John's Wort Extract Ze 117 Low in Hyperforin With Cytochrome P450 Enzymes and P-glycoprotein. Clinical Pharmacology & Therapeutics, 106(2), 432–440.
- Final Report on the Safety Assessment of Hypericum Perforatum Extract and Hypericum Perforatum Oil. International Journal of Toxicology, 20(Suppl 2), 31–39. PMID: 11558639











